Kochte schon bei der Heilsarmee: Sarah Wiener.

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Ob die Zuschauer etwas über gesunde Nahrungsmittel lernen, ist TV-Köchin Sarah Wiener "wurscht". Ihr geht es um die Vielfalt - bei Produkten und Menschen gleichermaßen, erzählte sie Doris Priesching.

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STANDARD: Wie lang hält der Kochboom noch an?

Wiener: Wenn ich das wüsste, wäre ich nicht Köchin, sondern Programmdirektor. Oder Hellseher.

STANDARD: Woher kommt die Begeisterung der Zuschauer fürs Thema Essen?

Wiener: Auch da glaube ich, sollte man nicht Köche fragen, sondern Analytiker oder Psychologen.

STANDARD: Sie haben aber bestimmt Ihre eigene Theorie?

Wiener: Essen und Kochen sind existenziell. Außerdem schaut man Handwerkern gern bei der Arbeit zu. TV-Köche werden heute nicht mehr als Spezialisten dargestellt, die für die eingeweihten fünf Prozent etwas pürieren, passieren, wickeln und stopfen, wie es nur Profiköche können. Den Zuschauern wird suggeriert: Schau mal, das kannst du auch! Köche sind Persönlichkeiten. Jeder findet jemanden, den er mag oder nicht. Dadurch wird das Kochen emotionalisiert. Die Unterscheidung von bestimmten Persönlichkeiten, von angeblicher Rivalität, das lässt viel Raum für Fantasie.

STANDARD: Gibt's Rivalitäten unter den TV-Köchen?

Wiener: Na, was heißt "Rivalitäten"! Die gibt's doch auch unter Journalisten und PR-Menschen. Wie sehr die ausgeprägt sind, das ist eine andere Frage. Der Mensch neigt dazu, sich mit anderen zu vergleichen. Das wird bei Fernsehköchen nicht anders sein.

STANDARD: Hilft die Fernsehküche zu mehr Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung?

Wiener: Heutzutage ist es tatsächlich so, dass sich Menschen nicht mehr anstrengen wollen, nicht beim Denken, beim Lesen oder beim Sehen. Insofern ist die Methode, Wissen mit Unterhaltung zu verknüpfen, ein für mich annehmbarer Weg. Wie viele Zuschauer von der Sendung Wissen über gesundes Essen mitnehmen, ist mir als engagierte Köchin völlig wurscht. Letztlich weiß ich, dass es eine Kochshow ist. Ich finde daran nichts Verwerfliches. Letztlich ist das Fernsehen ein Abbild unserer Gesellschaft. Was wir sehen, sind nicht die Ursachen, sondern die Folgen.

STANDARD: So ähnlich verhält es sich mit Abnehmshows?

Wiener: Die haben einen anderen Charakter. Damit suggeriert man: Du bist nicht richtig. Und: Du kannst werden, wer du willst. Das hat einen unguten, manipulativen Beigeschmack. Bei Fernsehkochshows wird letztlich nur gekocht ...

STANDARD: ... wo ich aber auch glauben soll: Ich kann alles kochen.

Wiener: Natürlich, aber die Frage ist: Schauen die Leute in erster Linie zu, weil sie kochen und abnehmen wollen? Das glaube ich nicht. Da spielen Voyeurismus und Langeweile mit, beim Kochen auch Nostalgie. Abnehmshows sind in einer anderen Kategorie anzusiedeln. Da geht es um oberflächliche Äußerlichkeiten und psychische Probleme, von denen suggeriert wird, dass die in zwanzig Minuten lösbar sind, und wenn nicht, ist man selber schuld. Und wenn man es in zwanzig Minuten gelöst hat, dann schafft das der Nachbar auch. Das kann ich nicht unterschreiben.

STANDARD: Vielleicht ist Abnehmen auch ein Handwerk, bei dem man gern zuschaut?

Wiener: Ich bin zwar auch voyeuristisch veranlagt, in das Leid anderer will ich aber nicht schauen. Das ist bei Kochshows nicht so, da kann ich mich langweilen oder ärgern, aber das tut keinem weh.

STANDARD: Woran bemerken Sie Ihren Voyeurismus?

Wiener: Dass ich nicht abschalten kann! Dass ich hinstarre und nicht weiß, warum ich mir diesen Blödsinn antue. Gut, ich sage das jetzt so, dabei habe ich ja nicht einmal einen Fernseher. Ich habe, offen gestanden, noch keine einzige Abnehmshow gesehen. Aber das klingt ja schon so furchtbar.

STANDARD: In Österreich kommt das gut an. Die ATV-Ernährungsberaterin Sasha Walleczek verkauft angeblich mehr Bücher als der jüngste Harry Potter.

Wiener: Das glaube ich nicht, aber selbst, wenn es stimmt: Ich lehne es ab, dass man Leuten das Denken aus der Hand nimmt und ihnen vorschreibt, was und wie sie es tun sollen. Ob das in der Beziehung ist, mit dem Chef, beim Abnehmen oder beim Essen. Da frage ich mich: Was ist mit den Menschen los, dass sie zu blöde sind, selber nachzudenken und Verantwortung für sich selber zu übernehmen? Ich bin Gegner dieser Art von Diät. Menschen mit Allergien oder anderen Krankheiten müssen Diät halten. Alle anderen sollten doch bitte auf ihren Körper hören und vielleicht ein bisschen mehr den Arsch hochkriegen und das Auto stehen lassen, einmal selber kochen, gesund und frisch essen. Und das war's.

STANDARD: Wie bereiten Sie sich in Ihren Restaurants auf den Engpass bei Bioprodukten vor?

Wiener: Darüber mache ich mir Gedanken, wenn der Engpass da ist. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 10./11./12.2008)