Das hier wird eines der gefürchtetsten journalistischen Produkte, nämlich ein "einerseits-andererseits"-Kommentar. Es geht um die Frage, ob die OMV rund 22 Milliarden Euro in die Entwicklung von Gasfeldern im Iran investieren soll.

Am kommenden Mittwoch ist die Hauptversammlung des österreichischen Gas- und Ölkonzerns, der zu 30 Prozent immer noch im Besitz der Republik ist. Die USA erklären, der OMV-Vertrag sei ein Bruch der von den UN wegen der iranischen Atompolitik verhängten Sanktionen. Der Präsident des "World Jewish Congress" (WJC), der frühere US-Botschafter in Österreich, Ronald Lauder, hat an die Aktionäre der OMV appelliert, das Abkommen mit dem Iran zu suspendieren, solange dieser weiter gegen das Atomabkommen verstößt, den Terrorismus sponsert und Israel mit der Vernichtung bedroht.

In der Tat hat der iranische Präsident Ahmadi-Nejad soeben wieder in seiner bewährten Form vernehmen lassen: Zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit nannte er Israel einen "stinkenden Leichnam", die "Existenzberechtigung des zionistischen Regimes" sei infrage gestellt und dieses "auf dem Weg zur Vernichtung". Allerdings hat der Westen, haben etwa die USA, auch mit ähnlich unerfreulichen Regimen schon Geschäfte gemacht. Und wenn es der Westen nicht tut, dann tun es China und Russland. Überdies gehört die Investition der OMV zu der Politik der EU, vom russischen Erdgas unabhängiger zu werden. Ohne das iranische Gas ist die sogenannte "Nabucco"-Pipeline, die zunächst von Aserbeidschan über die Türkei nach Mitteleuropa führt, stark entwertet.

Aber andererseits muss man sich wirklich ernsthaft überlegen, ob man einen solchen Staat stärken soll. Damit konzentriert sich die Analyse allerdings wieder auf die Frage: Was für ein Staat ist der Iran der Mullahs eigentlich? Kein Zweifel, es handelt sich um ein undemokratisches, autoritäres "Gottes"-Regime mit widerlichen Merkmalen – Unterdrückung der Opposition, der Frauen, Hinrichtungen von Halbwüchsigen wegen Homosexualität, Steinigung von Ehebrecherinnen usw., usw. Der Iran unterstützt die Hamas und die Hisbollah. Und er bastelt an der Atombombe.

Aber der Iran ist kein totalitärer Staat. Es gibt eine Opposition. Ahmadi-Nejad ist kein unumschränkter Diktator. Kurzum, der Iran ist nicht Hitler-Deutschland.

Überdies fragen sich nicht nur die "zynischen Europäer", sondern auch viele amerikanische Politiker und Experten, ob die Politik der totalen Konfrontation durch die Regierung Bush ("Achse des Bösen") nicht kontraproduktiv ist. Ob ein Regimewandel oder zumindest ein zivilisiertes Verhalten nicht durch Kontaktaufnahme mit dem Iran zu erreichen sei. Muss die OMV, müssen die Europäer die katastrophale Politik von Präsident George W. Bush mitmachen?

Und hier liegt ein möglicher Lösungsansatz. Bush ist bald Geschichte, ein neuer Präsident könnte auch eine neue Iran-Politik bringen. Vielleicht ändert sich dann auch im Iran etwas. Möglicherweise kann die OMV auf Zeitgewinn setzen. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.5.2008)