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Robert Rauschenberg strebte die Gleichrangigkeit aller Bildelemente an.

Foto: AP/Ann Johansson

Rauschenbergs Mango Ice Cave (Scale) aus dem Jahr 1977, die zur im Mumok beherbergten Stiftung Ludwig gehört.

Seinen Stil entwickelte er in der Rebellion, und das eröffnete der Malerei eine dritte Dimension.Robert Rauschenberg, „Titan der amerikanischen Kunst“, Wegbereiter der Pop-Art, ist tot.

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Captiva Island/Wien – Kunst und Leben zu vereinen, dazu gab und gibt es die unterschiedlichsten Strategien. Robert Rauschenbergs Gleichung sah vor, Teile der realen Welt, Dinge des alltäglichen Lebens und Konsums, unverändert in die Kunst hereinzuholen, sie in Objekte und Malereien zu integrieren. Eine künstlerische Positionierung, die den US-Künstler neben Andy Warhol und Roy Liechtenstein in den Pop-Art-Himmel hob und die er großteils seinem Lehrer Josef Albers, der am progressiven Black Mountain College in North Carolina unterrichtete, verdankte – ihm und Willem de Kooning.

Ihre Prägung sah allerdings nicht so aus, wie man dies erwarten würde: Mehr waren sie Antipoden, die die Rebellion des 1925 in Texas geborenen Rauschenberg anfachten. Sowohl Albers’ Farbfeldmalerei als auch der abstrakte Expressionismus, dessen Hauptvertreter de Kooning war, hatten für ihn zu wenig mit der realen Lebenswelt zu tun. 2006 sollte er dies allerdings in einem Interview relativieren: Die Kunst jener Zeit habe ihn „eingeschüchtert“, er habe es „bescheidener“ gemocht.

Das erste laute Lebenszeichen dieser bescheidenen Revolte waren die monochromen White Paintings, die er in seiner ersten Einzelausstellung 1951 in seiner neuen Heimat New York präsentierte. Er wollte nicht nur „exakt das Gegenteil“ von dem tun, was Albers lehrte, sondern er wollte und musste die Malerei auslöschen. Und dies sollte er 1953 mit einer Zeichnung de Koonings’ auch tatsächlich tun. In der Negation der Malerei lag seine Chance, sie neu zu erfinden.

Und das tat er: Die Combine Paintings, Malerei mit aufgeklebten Glühbirnen, Tennisbällen, ausgestopften Tieren, die die traditionelle Grenze zwischen Malerei und Skulptur aufriss, traten ab 1953 in den Vordergrund – sein bekanntestes ist Monogram (1959), mit der durch den Autoreifen blickenden Ziege.

Mit dieser Form dreidimensionaler Malerei erreichte er die angestrebte Gleichrangigkeit aller Bildelemente. Die Basis dazu lag in den künstlerischen Prinzipien von Collage und Ready-made, im Dadaismus und der Kunst von Kurt Schwitters und Marcel Duchamp. Was scherte Rauschenberg der Sinn, zu dem sich Farbe, Fundstücke, Holz, Zeitungen, Stoff zusammenfügten, es waren Zufallsarchive, aufgeklaubt auf den Mistplätzen der Konsumgesellschaft.

In den 1960er-Jahren perfektionierte Rauschenberg seine Technik, übertrug die dreidimensionalen Objekte mittels Lithografiesteinen in die Fläche und kombinierte sie mit Siebdrucktechnik. Sand, Stoffe, Pappkarton ­- die Palette der verwendeten Materialien wird ab 1970 kleiner, die Arbeiten wirken formal ruhiger, stiller. Immer stärker zeichnet sich ein Faible Rauschenbergs für Karton und Pappe ab: „Ich bin bis heute noch nirgends gewesen, wo es keine Pappschachteln gab“ (1991).

Rauschenberg, der regelrecht zwischen und mit den verschiedensten Medien turnte, unternahm auch Ausflüge in andere Disziplinen. Gemeinsam mit Musiker John Cage und Choreograph Merce Cunningham inzenierte er Multimedia-Performances oder gestaltete 1983, grammy-belohnt, für die Talking Heads das Cover Speaking in Tongues. Weltberühmt ist Rauschenberg aber für sein bildnerisches Werk der 1950er- und 1960er-Jahre. Dem “Titan der amerikanischen Kunst” richtete das New Yorker Guggenheim Museum 1998 eine große, rund 400 Werke umfassende Retrospektive aus. Aktuell sind im Münchner Haus der Kunst Rauschenbergs Arbeiten aus 1970-76 zu sehen. In der Nacht auf Dienstag starb Robert Rauschenberg im Alter von 82 Jahren in Florida. (Anne Katrin Feßler/DER STANDARD, Printausgabe, 14.5.2008)