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Weil die Senioren nicht zu den Zahnärzten kommen, kommen die Ärzte zu ihnen

Foto: AP/Martin Meissner
Graz - In den Mundhöhlen von Pflegeheim-Bewohnern schaut es oft düster aus: Zu diesem Schluss kommt eine Statuserhebung in steirischen Seniorenzentren. Durch ein Vorsorge-Projekt des Steirischen Gesundheitsressorts soll dieser Umstand geändert werden. Erste Erfolge wurden bereits erzielt, hieß es am Mittwoch im Pressegespräch in Graz. Das österreichweit einzigartige Projekt erregt Aufsehen im wissenschaftlichen Bereich und wurde schon zweifach ausgezeichnet.

Viele Prothesen notwendig

Die erhobenen Werte unter den Pflegeheimbewohnern stimmen nachdenklich: Bei 81 Prozent der untersuchten Menschen in stationärer Pflege wurde ein Handlungsbedarf im Hinblick auf die Prothese festgestellt. Bei rund jedem Zweiten jener Gruppe, die noch eigene Zähne hat, wäre ein chirurgischer Eingriff notwendig. 82 Prozent aller 517 an der Erhebung teilnehmenden Senioren wiesen eine entzündliche parodontale Erkrankung auf.

Senioren vermeiden Besuch beim Zahnarzt

Die Inanspruchnahme des Zahnarztes durch Pflegeheim-Bewohner ist jedoch gering, weiß Dentalmediziner Gerwin Arnetzl von der Medizinischen Universität Graz, der das Prophylaxeprojekt "Mobile Gesundheitspflege leitet. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die Fahrten zum Zahnarzt, Wartezeiten und die Angst vor Folgekosten führen dazu, dass es Bewohner von Pflegeheimen so lange wie möglich vermeiden, einen Zahnarzt aufzusuchen.

Langzeitfolgen

Die Folge sind akute Schmerzen, aber auch Langzeitfolgen, die auf den ersten Blick nicht mit Zahnpflege in Verbindung zu stehen scheinen, schilderte Arnetzl. So können Schmerzen im Mund zu verminderter Nahrungszufuhr führen, der Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht kommen und Wundheilungsstörungen auftreten. Selbst Schlaganfälle können durch ständige Entzündungen in der Mundhöhle begünstigt werden.

Zahnarzt kommt ins Heim

"Bei Kindern sind entsprechende Vorsorge-Maßnahmen selbstverständlich. Es wird aber allzu oft vergessen, dass auch alte Menschen Unterstützung benötigen", betonte der Zahnmediziner. In der Steiermark fahren daher seit einem Jahr mobile Prophylaxe-Teams der Grazer Uni-Zahnklinik zu den Bewohnern der Volkshilfe-Seniorenzentren und führen eine professionelle Reinigung der Zähne und des Zahnersatzes durch. Zusätzlich werden die Senioren von speziell geschulten Pflegern motiviert, Mundhygiene ernst zu nehmen beziehungsweise bei der Dentalpflege unterstützt. "Der chirurgische Handlungsbedarf ist von 48 auf neun Prozent gesunken, der Entzündungsindex von 82 auf 53 Prozent", freut sich Arnetzl.

Das Projekt wurde bereits mit dem "Dental Award" 2007 des Österreichischen Zahnärztekongresses sowie dem Forschungspreis der Gesellschaft Österreichischer Zahnärzte ausgezeichnet. (APA)