Nader Mashayekhi

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Wien – In Zeiten, in denen der Iran nur durch sein Atomprogramm und die diesem Land auferlegten Sanktionen Schlagzeilen macht, mag es fast exotisch anmuten, wenn sich das Teheran Chamber Orchestra nach Österreich verirrt. Motor dieses Unternehmens ist Nader Mashayekhi. Auf Einladung des "Vereins für den Dialog zwischen den Kulturen" wird er mit seinem Ensemble am Freitag in der "Bühne im Hof" in St. Pölten ein Programm mit zeitgenössischen Komponisten seines Heimatlandes präsentieren.

Nader Mashayekhi ist freilich auch in Wien kein Unbekannter. Als Kompositionsschüler von Roman Haubenstock-Ramati und Absolvent der Dirigentenklasse von Karl Österreicher ist er in der westlichen Musiktradition groß geworden. Umso schmerzlicher empfindet der nun 49-Jährige das, was man unter dem Musikleben seiner persischen Heimat zu verstehen hat.

So übernahm er 2006 die Leitung des Symphonieorchesters von Teheran. Der Start war überaus erfolgreich. Daniel Barenboim hat Mashayekhi mit seinem Orchester in die von ihm geleitete Berliner Staatsoper Unter den Linden zu einem Mozartkonzert eingeladen. Außerdem ist geplant, ausgewählte Instrumentalisten in Barenboims West-Eastern Divan Orchestra mitwirken zu lassen. In diesem Jahr warf er allerdings das Handtuch. Er bekam nämlich ein Gremium vor die Nase gesetzt, das ihm vorschreiben wollte, welche Symphonien er spielen und welche er nicht spielen soll.

Es sind allerdings nicht die Politiker, die sich um das Musikleben kümmern und dieses behindern, sondern vielmehr deren Berater. Dafür kann Mashayekhi Beispiele anführen:

So werden für die Komposition einer künstlerisch völlig unbedeutenden Mohammed-Symphonie 40 Millionen Tuman (25.000 Euro) locker gemacht. Und für Teherans große Konzerthalle Talar Vahdat kaufte man für 700.000 Euro drei Bösendorfer-Flügel. Sie werden selten gespielt, weil sie nur für die internationale Pianistenelite reserviert sind. All dies bewog Mashayekhi zu einer Reise nach Qom, in den Vatikan der Schiiten. Und er fragte die dort versammelten Ajatollahs nach ihrer Meinung, die sie zum Musikleben des Iran haben. Und zu Mashayekis Überraschung klang das, was sie über das Musikleben zu sagen hatten, durchaus vernünftig.

Mit den Eigenheiten des persischen Musiklebens kann man allerdings nicht von heute auf morgen aufräumen. "Was ich heute mache, wird möglicherweise erst in 200 Jahren Früchte tragen." Wie zum Beispiel kann man dem Publikum abgewöhnen, während solistischer Darbietungen so laut zu applaudieren, dass man die Musik überhaupt nicht mehr hört?

Mashayekhi lehrt auch an Teherans drei maßgeblichen Universitäten. Er staunte jedoch nicht schlecht, als er während der Analyse von Bach-Kantaten bemerkte, dass den Studenten zwar die musikalischen Aspekte geläufig waren, sie jedoch keine Ahnung hatten, was deren Text eigentlich bedeutete.

Wenn er dirigiert, lässt er das Orchester oder auch nur einzelne Musiker eine Serie von Takten, mögen es auch nur vier sein, so oft wiederholen, bis sich der richtige "Sound" ergibt. Die Technik ist die Voraussetzung, wichtig ist aber der Klang. Mit dem Symphonieorchester Teheran war er diesem Sound auf der Spur. Nach Beendigung dieser Zusammenarbeit versucht er nun das seit längerem in einem Dornröschen-Schlaf gesunkene Teheran Philharmonic Orchestra zu reaktivieren. Als erstes Projekt plant er gleich einmal die Aufführung von Gustav Mahlers Zweiter, der "Auferstehungssymphonie". (Peter Vujica / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.5.2008)