Farbenfroh und verwinkelt ist die Gamla Stan, die Altstadt von Stockholm.

Foto: Ulf Hinds - Stockholm Visitors Board

Stockholm zwischen Altstadt (oben) und neuen Akzenten wie dem Nordic Light Hotel (unten).

Foto: Richard Ryan - Stockholm Visitors Board
Foto: Nordic Light Hotel
Grafik: DER STANDARD
Die leise Enttäuschung ist der Dame schon anzusehen, und so scharrt sie auch ungeduldig vor der Rezeption. Denn eigentlich sollte es sich bei dem Schuppen, dessen Interior Design einen gerade umzingelt, doch um das angesagteste Hotel der ganzen Stadt handeln. Nordic Light heißt es, und der Name ist dabei Programm. Eine Fünf-Sterne-Lichtorgel erwartet die Gäste im geschäftigen Norrmalm, dem Businessviertel Stockholms.

Artifizielle Sonnenaufgänge auf dem Kopfpolster der Zimmer stehen dafür Pate, im Spa will Lichttherapie etwaige Innenlebenverdunkelungen vertreiben. Schick und lilafarben strahlen die samtigen Lichtvorhänge von Bar und Restaurant auf den Stockholmer Vasaplan hinaus. Aber das soll jetzt auch gar nicht bemäkelt werden - ruht der skeptische Blick doch auf der rustikalen Möblierung der Lounge davor. Fichten stehen da herum und plumpe Stühle mit Holzmaserung. Wäre auf den Baumstammtischen statt Sekt Speck zu sehen - man könnte sich glatt in der rustikalen Schneise eines Bauernmarktes wähnen.

Also fühlen wir ruhig noch ein wenig mit der eben eincheckenden Dame mit, und lassen uns dann eine erste Stockholmer Lifestyle-Lektion erteilen. Denn ein Hotel wie das Nordic Light setzt seine Gäste nicht einfach auf Möbel aus XXL-Matador - und so löst sich plötzlich alles in einer ungeahnten Weichheit auf. Wie Gummi fühlen sich die Boden-"Bretter" des leicht erhöhten Podestes an. Und das gilt schon gar für die Sitzflächen und Lehnen der wuchtigen Fichtenholzstühle: "Holz" zum Einsinken, das sich als Schaumstoff mit Textilbezügen in Holzmaserungsoptik outet.

Nichts ist, wie es scheint, und schon gar nicht die Landlebenauthentizität der skandinavischen Natur. Das will die kleine Installation der schwedischen Gruppe Front Design im Foyer des Nordic Light wohl sagen. Doch zugleich rüstet die kleine Verunsicherung auch ganz gut zur Erkundung der umliegenden Stadt. Aber das ahnt man erst später, wenn sich der Dialog zwischen Natur und dem, was seither geschah, wiederholt. Die wegen anhaltender Coolness in diesem Frühjahr vergrößerte Icebar des gleich um die Ecke gelegenen Nordic Sea Hotels, angeblich die größte der Welt, wäre ein Indiz für diesen Shift. Und das gilt auch für die vielen Laptops auf den Knien der Frischluftsurfer, die den innenstädtischen Kungsträdgarden längst als Teil der Web-Wolke outen. Wer die Gratis-Wi-Fi-Wiese mit den Kirschbäumen und Cafeterias stilgerecht erreichen will, sollte übrigens die Tunnelbana zur Anfahrt wählen. Blaue Grotten mit Wandgemälden, deren Motive zwischen archaischen Symbolen und der Zahnradästhetik unserer Vorväter changieren - die von Künstlern gestalteten Stationen verweisen schon seit den Achtzigern auf die Verschränkung von Chiffren aus jeder Zeit. Ja, selbst der strenge Modernismus eines Gunnar Asplund scheint davon nicht ausgenommen: Sein Kinojuwel "Skandiabiografen" flirtet am Stockholmer Drottninggatan ungeniert mit Dekor à la Pompeij.

Das hätte man der Stadt, die so gesund wie ein frisch in den Wäldern Dalarnas aufgetanes Landei wirkt, nicht zugetraut. Auch die von den vielen Fischproteinen und von noch viel mehr frischer Luft modellier-ten Menschen verleiten zum üblichen Schluss: Stockholm, das ist der Naturbursche unter den europäischen Hauptstädten, komponiert aus Meer, rotem Ziegelleuchten und etwas Beton, eine Stadt, durch deren Adern mehr frisches Wasser fließt als Verkehr. Und in der Tat: So wie mit dem Schaumstoffholz des Designerhotels verhält es sich hinsichtlich der Relax-Rohstoffe ringsum ja nicht.

Islandhopping auf einem umliegenden Archipel aus 24.000 Schäreninselchen hat schließlich nicht jede Stadt zu bieten. Und wer an den roten Ziegelwänden und am marmorweißen Schimmern der Statuen vorbei im Inneren des Stockholmer Stadshus immer höher und spiralförmig hinaufsteigt, der kann zuletzt von 106 Metern ja durchaus auf das amphibische Naturell einer in Europa wohl einzigartigen Stadtlage schauen.

Wie ein Puzzle aus Stein und Wasser liegt Stockholm dann unter dem blassblauen nordischen Himmel. Schwarze Dächer, kupfergrüne Türmchen und vielleicht auch noch die spitzen Segel einer sonntäglichen Bootsregatta drängen dann ins Bild. Daneben, dahinter, dazwischen: steinerne, gusseiserne Brücken, die satten Ockertöne der prächtigen Kaufmannsresidenzen und das leichte Zittern der polygonalen, stillen Wasserflächen. Aber dann gibt es eben noch die Stadt für den zweiten Blick. Und das viele Wasser steht dann plötzlich für Fluss.

Das beweist: Neben unermüdlichen Erweiterun- gen des vielfältigen Kulturlebens wie der zuletzt eröffneten Bonniers Konsthall, Magazin 3 am Hafen Frihammen oder dem Kultstatus von Labels wie J Lindberg, Whyred oder Acne Jeans - auch die Fahrt mit dem alten Eisenaufzug Katarinahissen. Seit den Dreißigern hilft er Gästen, die Steilwand zu überwinden, die Södermalm von anderen Stadtteilen trennt. Oben angekommen, lässt es sich beruhigt auf die Pippi-Verpuppung des allzu nostalgischen Altstadtviertels Gamla Stan hinüberschauen - und erst recht auf das noch weiter nördlich gelegene Kommerzviertel Stureplan, das sich zuletzt an der Bibliotheksgatan die Umwand- lung eines klassizistischen Theaters in den Design-Store "Urban Outfitters" erlaubte.

Södermalm ist davon noch ein gutes Stück entfernt. Das verbreitete Kürzel SOFO, South of Folkungagatan, verweist denn auch lieber auf das trashige Wesen der Gegend. Vintage-Klamotten neben Lagerhallen, lokale Avantgarde-Mode im Schulterschluss mit Eisenwarenläden - das Arbeiterviertel atmet jetzt den Charme eines studentisch geprägten Milieus.

Die relative Nähe zum neuen Stockholmer Designfokus Telefonplan, ursprünglich Werksgelände von Ericsson und jetzt Ort der städtischen Kunst-und- Design-Uni Konstfack, soll dabei nicht stören, zumal der Weg in die Wüste der Stockholmer Industriebrache schon heute lohnt. Dafür sorgt nicht zuletzt auch die interaktive Lichtinstallation "Colour by Numbers". Denn nordische Kunstlichtstimmung lässt sich nicht nur im Designerhotelbett beliebig ändern, sondern per Handy auch im öffentlichen Raum der Kunst. Anruf genügt: 070/575 78 07. Schon bepinselt man einen 70-Meter-Turm mit dem Licht, dessen Farbe man im Augenblick liebt. (Robert Haidinger/DER STANDARD/RONDO/16.5.2008)