Die Eigenkapitalquote – der Anteil des Eigenkapitals an der Gesamtfinanzierung eines Unternehmens – ist nicht nur ein wesentlicher Beurteilungsfaktor für die Kreditwürdigkeit, sondern kann in Zeiten steigender Kapitalkosten auch spielentscheidend sein. Die zu geringe Ausstattung mit Eigenkapital war laut Kreditschutzverband von 1870 (KSV) 2007 immerhin noch für 16 Prozent der Firmenpleiten in Österreich verantwortlich. Bei welcher Eigenkapitalquote Unternehmen noch im grünen Bereich agieren und ab wann sie gefährdet sind, kann aber nicht allgemein definiert werden. Die Erfordernisse seien durchaus branchenspezifisch, sagen Experten. "Unternehmen mit hohem Anlagevermögen brauchen mehr Eigenkapital als ein reiner Dienstleister", so KSV-Insolvenzspezialist Hans-Georg Kantner. Je volatiler oder zyklischer das Geschäft, desto höher sollte der Eigenkapitalanteil sein.

"20 Prozent Eigenkapitalquote sollten erreicht werden, und im Durchschnitt wird das auch erreicht", nennt Peter Voithofer, Mitglied der Geschäftsführung der KMU Forschung Austria, zwar eine Untergrenze, relativiert sie aber gleich wieder. "Viele Unternehmen haben nach wie vor eine negative Eigenkapitalquote, das bedeutet aber nicht zwangsläufig Konkursgefahr." In Österreich zeichnet sich vor allem die Tourismusbranche durch eine magere Eigenkapitalquote aus. Laut KMU Forschung betrug sie im Beherbergungs- und Gaststättenwesen 2005/06 7,95 Prozent. Zum Vergleich: In der Sachgütererzeugung lag sie bei 31,8 Prozent, im Bauwesen bei 20,2, im Bereich Verkehr und Nachrichtenübermittlung sogar bei 43,7 Prozent. Als "Daumenregel" nennt auch Robert Kremlicka, A.T.-Kearney-Geschäftsführer (Österreich), für den produzierenden Bereich eine Größenordung von 20 bis 30 Prozent. "Alles darüber ist dann schon komfortabel."

Vorherrschende Kreditkultur

Dass Österreichs Firmen im internationalen Vergleich seit Jahren eine unterdurchschnittliche Eigenkapitalausstattung aufweisen, liege vor allem an der in Österreich vorherrschenden Kreditkultur. "Wir sind ein Land, das stärker auf Fremdkapital setzt. Den Banken ist das nicht unrecht, die verdienen ja am Kredit", meint Kremlicka. Hinzu komme, dass Börsengänge nach wie vor nicht besonders beliebt seien und auch die Vergabe von Venture-Kapital und Private Equity weit unter dem internationalen Schnitt liege. "In Österreich stellt Venture-Kapital 0,05 Prozent vom BIP dar, im Schnitt der EU-15 liegt es bei 0,1 Prozent vom BIP", so Kremlicka. Bemerkenswert sei auch die "interessante Korrelation zwischen Unternehmensgröße und Eigenkapitalquote", so der Berater.

Gründungsboom

Während Großbetriebe (mehr als 250 Mitarbeiter) laut KMU Forschung im Schnitt eine Eigenkapitalquote von 34,3 Prozent ausweisen und Unternehmen mit 50 bis 250 Mitarbeitern immerhin noch 25,4 Prozent, so liegen Firmen mit bis zu 49 Beschäftigten nur mehr bei 18,5 Prozent und Betriebe mit bis zu neun Mitarbeitern gar nur bei 11,6 Prozent Eigenkapitalquote. Ein-Personen-Betriebe schlagen sich mit 14 Prozent wieder etwas besser. "Der Gründungsboom der letzten Jahre war stark von Ich-AGs und Kleinstbetrieben geprägt, und das sind traditionell Firmen mit geringem Eigenkapital", nennt Kremlicka einen weiteren Grund für den niedrigen Durchschnitt. Bei börsennotierten Unternehmen ist laut Günther Artner, Erste-Bank-Chefanalyst Österreich, "immer ein gesunder Kompromiss zwischen Eigen- und Fremdkapital" gefragt. Zu viel Eigenkapital könne sogar Probleme bereiten. "Aktionäre erwarten dann höhere Dividenden, und der Konzern kann ein Übernahmeziel werden", so Kremlicka. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.5.2008)