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Von der Großinsolvenz des Handyherstellers BenQ-Siemens in Deutschland waren 3000 Arbeitsplätze betroffen.

Foto: AP/Pfeil
Wien - Wenn in Österreich jemand wirtschaftlich scheitert, dann geschieht das zwar im Ediktverzeichnis relativ öffentlich, darüber zu reden ist hier aber eher nur hinter vorgehaltener Hand üblich. Hierzulande bedeutet Scheitern nicht einfach eine der vielen Konsequenzen von unternehmerischem Risiko sondern zugleich Schande über die ganze Familie.

Diese Woche luden zwei Frauennetzwerke, Daniela Schwarz und Brigitte Piwonka zum 1. Österreichischen Insolvenzkongress. Es waren nicht nur die üblichen Statistiken, über die da konferiert wurde, sondern die Menschen und Schicksale dahinter.

Nahezu niemand geht gerne in Konkurs. Ein erheblicher Teil der Menschen, die in den Konkurs schlittern, erkranken knapp vor oder nach der Eröffnung des Verfahrens schwer, bisweilen tödlich. Immer wieder steht Konkurs und Suizid in engem zeitlichem Zusammenhang. Während der Kongress über Konsequenzen und Auswege aus dieser Falle beriet, zur selben Zeit, hat ein Wiener Familienvater seine ganze Familie ausgerottet, um ihr die Schmach seiner Pleite zu ersparen.

Aus dem Scheitern lernen

Die Autorin von "Insolvent und trotzdem erfolgreich", Anne Koark, berichtete über selbst Erlebtes: Wie sie nach dem Verlust ihrer Firma mit den Demütigungen des Konkurses umgehen lernen musste. Worauf die Expertenrunde aus Alexander Maly (Schuldnerberatung Wien), Verena Pahl (Creditreform), Gerhard Ruprecht (Zweite Sparkasse) sich darauf einigte, dass schon die Semantik die Betroffenen straft: "Exekutor", "Vollstrecker", "Gemeinschuldner", "Zwangsausgleich", "Masseunzulänglichkeit"

Die Angst vor dem Stigma des Scheiterns verhindert mit Sicherheit das Gründen neuer Betriebe. Für Menschen auf Schleuderkurs gibt es kaum Vorsorge, sie würden Beratungen auch gar nicht in Anspruch nehmen. 2007 bestanden österreichweit 1,7 Millionen Exekutionsanträge. Friedrich Kofler von der Wirtschaftskammer weiß, "Umso besser ausgebildet, umso geringer das Risiko wieder aufzuhören". 60 Prozent der Insolvenzen haben Migrationshintergrund.

Die Rolle der Banken

Beim besten Willen nicht schlüssig zu klären waren die Fragen, warum Banken keine Konten ohne Überziehungsrahmen und Risiko eröffnen. Und warum die Zweite Sparkasse so agiert, dass jeder schon an der Bankleitzahl erkennen kann, dass eine Person ein Konto bei der Zweiten hat. Warum Kleinunternehmer nur Privatkredite bekommen. Und warum der Gesetzgeber keine Verpflichtung anordnet, jedem Menschen ein Konto zu ermöglichen.

Die anschließende Publikumsrunde hatte etwas vom Charme der anonymen Alkoholikertreffs an sich. "Mein Name ist Peter U... und ich bin auch Pleitier!" Applaus. Es haben sich ausschließlich Herren zu Wort gemeldet. (Erich Félix Mautner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.5.2008)