Am Kamm hinauf zum Kobla (1598 Meter), auf der Wegseite harmloses Bergwiesengras, einen Meter weiter links auch Bergwiesengras, nur geht es hier ein paar hundert Meter hinunter. Offenbar ist die alte Höhenangst wirklich weg. Seit zwei, drei Jahren, und das ebenso plötzlich, wie sie am Ende der Pubertät gekommen war. Damals hatte ich das als unangenehme Begleiterscheinung des Erwachsenwerdens interpretiert. Wenn das gestimmt hat, was, so frage ich mich im Hinaufsteigen, bedeutet dann das Verschwinden dieser Angst? Statt einer Antwort höre ich auf der südlichen Kammseite die Kirchenglocken von Petrovo Brdo zu Mittag läuten, wenige Schritte später kommen aus dem Norden, und deutlich lauter, die aus Bohinska Bistrica hinzu. Ich bleibe kurz stehen und denke über nichts mehr nach.

Weiter oben dann, mit dem grasigen Gipfel des Kobla in Sicht, fällt mir eine Passage ein, die als Zitat für die Bewerbung meines Romans "Ein Paar" gedient hatte. Darin geht es um die Erinnerungen einer Frau an eine Zeit, in der sie manchmal selbst unter der Woche frühmorgens einfach zum Klettern in die Berge fahren hatte können, und mittag im warmen Gipfelgras gelegen war, so als gebe es für sie keinen Alltag. - Eigentlich hätte der Frau jedoch nur dann warm sein können, weiß ich nun im stärker werdenden Wind, wenn sie trockenes Wechselgewand mit gehabt hatte. Ein Glück, dass es beim Erzählen um die Erfahrung geht, die man anhand bestimmter Eindrücke, Erlebnisse oder Erinnerungen hat. Und nicht darum, welches Gewand man dabei an hat. In Bezug auf meine Reise bin ich aber eher noch bei Kleidungsfragen.

Vor allem aber verlaufe ich mich immer wieder. Diesmal ist wenigstens die Entschuldigung eine gute, denn auf der Nordseite der Bergkette ist fast bis 1200 Meter hinunter noch Schnee. Kaum Wegmarkierungen sind sichtbar, schon gar nicht die Wege selbst. Ein hinter mir auf den Gipfel gekommenes Pärchen drehte gleich wieder um, während mich eine der slowenischen Kontaktpersonen in Sachen Schneelage sogar noch auf den gut 200 Meter höheren Crna Prst schicken wollte. Zum Glück sieht man aber vom Kobla genau in dessen steile Nordostflanke, durch die der Weg ginge - und sieht nichts als Schnee.

Zwei Stunden später bin ich endlich wieder auf Laubböden. Und nachdem ich mir am Gipfel vor lauter Kälte und Schnee keine gegönnt hatte, ist jetzt Zeit für eine Rast. Ein vom Hüttenwirt zurecht gemachter Sandwich, Nüsse und heißer Tee. Ich rufe Mails ab und öffne auch gleich die vermutlich schon im Netz befindlichen ersten Etappen meines "Alpenblogs". Die ersten Postings gefallen mir sehr.

Foto: Martin Prinz
Soldatenfriedhof

Wenig später ist Bohinska Bistrica unter mir in Sichtweite. Wie weit es in den Ort noch ist, weiß ich dann erst eineinhalb Stunden später, als ich, vorbei an dem aus dem 1. Weltkrieg stammenden Soldatenfriedhof, zu den ersten Häusern komme. Die Hunde und Hähne, Mopeds und das Autorauschen, höre ich jetzt schon. (Martin Prinz)