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Foto: APA/Brigham & Women's Hospital Boston - Surgical Planning Laboratory
Es gebe keine Egoismus-Gene, schreibt Gerald Hüther, einer der prominentesten Hirnforscher der "neuen" Generation, in seiner Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn (Vandenhoeck & Ruprecht). Er tritt vehement gegen das Dogma der einmal entstandenen und dann unveränderlichen Verschaltungen im Gehirn auf: Neuronale Verschaltungen und synaptische Verbindungen sind demnach ein Leben lang zur Adaption und Reorganisation fähig.

Abhängig ist das aber davon, wofür wir unser Gehirn benutzen. Folgerichtig nennt Hüther das Gehirn nicht ein Denkorgan, sondern ein Sozialorgan. Oft bleibt es allerdings ein Kümmerwesen.

Störfälle

Als häufigsten Grund für Störfälle nennt der Hirnforscher Bedienungsfehler – etwa ein Klima von Neid und Missgunst: Die Notwendigkeit zur Selbstbehauptung und Selbstdarstellung hat dort Vorrang. Aus solchen primären Bewältigungsstrategien werden dann eingefahrene Programme, die das gesamte Denken, Fühlen und Handeln bestimmen.

Wenn der Störfall häufig passiert, wird er folglich zum Normalfall erklärt – erweist sich doch in solchem Umfeld die Zweckdienlichkeit der Bewältigungsstrategie. Das Gehirn bleibt ein Kümmerwesen und scheitert unter neuen Bedingungen. Das menschliche Potenzial bleibt solcherart ungenützt. Hüther ist Pflichtlektüre. (Karin Bauer, DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.5.2008)