Herausgefallen aus dem großbürgerlichen Familienverbund: Mathieu Amalric muss als rebellischer Henri in Arnaud Desplechins "Un conte de Noël" einen gravierenden Konflikt bewältigen.

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Auf den Monitoren im Festivalpalast tänzelt ein Pandabär. Gerade aus dem Dunkel eines Kinos kommend, reibt man sich verwundert die Augen. Und dann erkennt man auch schon den etwas beleibteren Mann neben dem Stofftier. Das ist eindeutig Jack Black, der die Aufregung sichtlich genießt. Hinter ihm steht Brad Pitt bereit, der auf jede Frage "très bien, très bien" wiederholt. Er ist mit Angelina Jolie da, die wie Black einer Figur aus dem neuen Dreamworks-Animationsfilm Kung Fu Panda ihre Stimme geliehen hat. Eine der ganz normalen Paradoxien von Cannes: Stars machen Werbung für einen Film, in dem sie nicht einmal zu sehen sind.

In einem anderen Universum des Kinos, aber im selben Saal des Festivals erfährt nur wenige Stunden später der erste herausragende Wettbewerbsfilm seine Premiere, in dem es um die Frage geht, welche Formen von Liebe, Abneigung, Eifersucht und Missgunst ein Familiengefüge überhaupt erst zu einem solchen macht.

Arnaud Desplechins Un conte de Noël formt in zweieinhalb Stunden aus der weihnachtlichen Zusammenkunft einer Großfamilie eine Komposition, die so reich an dramatischen Miniaturen, komischen Ausbrüchen und nuancierten Beobachtungen ist, dass man kaum glauben mag, dass diese Figuren nur erfunden sind. Der Film simuliert das Leben jedoch nicht naturalistisch, er setzt es als hochkünstliches Gebilde neu zusammen und koloriert es dabei mannigfaltig.

So ist der Ausgangspunkt im Grunde tragisch, veranlasst aber eher zu hektischer Betriebsamkeit. Junon (Catherine Deneuve), heimliches Oberhaupt der Vuillards, erkrankt an einer Blutkrankheit, die schon eines ihrer Kinder das Leben gekostet hat. Die Suche nach einem passenden Spender lässt die Familie, die durch ein Zerwürfnis zwischen den Geschwistern Elizabeth (Anne Consigny) und Henri (Mathieu Amalric) auseinandergerissen wurde, langsam wieder näher zusammenrücken. Ein Fest wird anberaumt, bei dem dann unterschwellige Aggressionen und verpasste Leidenschaften hervorbrechen. Ganze Lebenswege erscheinen in neuem Licht.

Nicht von ungefähr benützt Desplechin das Bild der Blutkörperchen und ihrer Bahnen, wobei es ihm vor allem um jene Irrläufer geht, die das zwischenmenschliche Verhalten regulieren. Bemerkenswert ist, wie es ihm gelingt, die Dramatik kathartischer Familienbegegnungen zu umgehen: mit spielerischen Szenen, die manchmal jazzig improvisiert wirken, manchmal eine familiäre Episode als Kindertheaterstück arrangieren. Ihre emotionale Wahrheit wird auf diese Art viel schwieriger fassbar.

Melo, neu gedeutet

Wie reichhaltig Un conte de Noël ist, erschließt sich nicht zuletzt im direkten Vergleich mit Üç Maymum (Die drei Affen), dem neuen Film des Türken Nuri Bilge Ceylan. Auch dieser kreist um eine Familie und deren inneren Zusammenhalt. In kunstvoll gesättigten Farben versucht Ceylan die Neudeutung eines im Grunde recht konventionellen häuslichen Melodramas, indem er einzelne Bausteine variiert.

Ein Chauffeur nimmt Schuld auf sich, um seinen Chef, einen Politiker, zu decken. Als seine Frau und sein Sohn in finanzielle Schwierigkeiten geraten, entscheidet sich Erstere, den Politiker um einen Gefallen zu bitten. Die beiden beginnen eine Affäre, die nicht lange geheim bleibt.

Ceylan hat sich schon in früheren Arbeiten wie Iklimler (Climates) bevorzugt an den psychischen Innenwelten seiner Figuren abgearbeitet. Die Szenen sind aus langen Einstellungen gebaut, die oft auf passive Weise enden. Man sieht, wie die Frau nervös vor dem Politiker wartet, ohne dann mit ihrem Ansinnen herausrücken zu wollen. Man sieht, wie der Sohn unerwartet in die Wohnung zurückkehrt und zunächst gar nicht merkt, was im Schlafzimmer vor sich geht. Man sieht, wie der mittlerweile wieder entlassene Ehemann sich mit seiner Frau im Bett windet und ihr mit Gewalt ein Geständnis entlocken will. Auf Dauer wirken diese kunstvoll ausgedehnten Situationen allerdings zunehmend monoton, und Ceylans stilisierte Ästhetik erdrückt die Bilder.

Anderes lässt sich von Jerzy Skolimowskis Cztery noce z Anna (Four Nights With Anna) berichten, der die in diesem Jahr besonders spannend besetzte Nebenschiene der "Quinzaine" eröffnet hat. Der polnische Regisseur, der zuvor 16 Jahre keinen Film gedreht hat, geht zwar mit einer vergleichbaren Zeitlogik vor. Die Studie eines wortkargen Außenseiters, der seiner Nachbarin verfällt, sie heimlich beobachtet und dann nächtens in ihr Haus einzusteigen beginnt, fasziniert jedoch durch ihre ausgewogene Mischung aus Abscheu, Rührung und Humor.

Keines der Manöver dieses Stalkers erscheint absehbar. So viel zumindest sollte man dem Kino schon zumuten dürfen. (Dominik Kamalzadeh aus Cannes/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.5.2008)