Macht das Theater zur Agora: Hannah Hurtzig.

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Im Odeon wird Wissen ausgetauscht.

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Wien - Wollten Sie immer schon mehr als ein paar Minuten lang mit Luc Bondy, dem Intendanten der Wiener Festwochen, reden? Dann hat Hannah Hurtzig einen Tipp für Sie: heute Abend nicht auf den Life Ball zu gehen und auch nicht zur Premiere von Jakob Lenz (siehe oben), sondern ins Odeon zu kommen. Und dort - wichtig - beim Schalter G einzuchecken. G deshalb, weil Gespenster mit G beginnt.

Luc Bondy wird beim "Schwarzmarkt für nützliches und Nicht-Wissen" nämlich einer der Experten sein, die man unter dem Schlagwort "Gespenster" für einen Euro buchen kann. Konkret wird man mit ihm über "Das Gespenst der Morde in Jean Genets Die Zofen" reden können. Auch und zumal deshalb, weil er gerade die Premiere für den 4. Juni vorbereitet.

Theaterraum soll wieder zur Agora werden

Bondy und 99 andere "Wissende" der Stadt haben sich zur Verfügung gestellt, um am Samstagabend vier Stunden lang ihren Klienten Rede und Antwort zu stehen. Sie werden an kleinen Tischen sitzen und ihren Gegenübern aus dem Publikum in gerade einmal 60 Zentimetern Abstand vom nächsten Experten auf alle Fragen antworten.

Entwickelt hat diese Installation die Berliner Theatermacherin Hannah Hurtzig, die damit den Theaterraum wieder zur Agora machen will: "Seit dem griechischen Theater gibt es diese künstliche Trennung von Publikum und Bühne. Das soll mit dem Konzept wieder aufgelöst werden."

Zum mittlerweile zehnten Mal findet die Installation Hurtzigs statt, zum ersten Mal macht sie heute von 20 bis 24 Uhr in Wien Station. Gut gewählt ist dabei nicht nur der Ort - schließlich war das Odeon früher einmal die frühere Getreidebörse der Stadt -, sondern auch das Generalthema der originellen Inszenierung: "Wer wird schuld gewesen sein?"

"Diese Themen werden immer spezifisch für den jeweiligen Ort ausgewählt", sagt Hurtzig, "und bei Wien lag das Thema Schuld gewissermaßen auf der Hand." Angesichts von Amstetten & Co hat sich die Themenwahl mittlerweile als prophetisch erwiesen. Wobei der "Schuldfrage" wiederum in Subthemen wie "Arbeitsverhältnisse", "Gerechtigkeit" und "Repolitisierung", "Blues", "Sexualität", "Scham" oder "Ursünde" nachgegangen wird.

Zu den Experten, die von Hurtzig in einem viermonatigen Prozess ausgewählt wurden und "ein Bild der Wiener Gesellschaft geben", gehören neben Bondy unter anderem auch Rudolf Scholten, Barbara Stöckl, Ulrich Seidl oder Rudolf Taschner.

Und wer kein Face-to-face-Gespräch mit den Experten ergattert, bleibt zum Trost das "Schwarzradio", das ausgewählte Gespäche ausstrahlt. Oder man gibt sich einfach als staunender Zuschauer dem Spektakel hin und hört dem enzyklopädischen Volkstheater beim Rauschen zu. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.5.2008)