Mei und Xue wohnen und arbeiten im Keller eines 24-stöckigen Hochhauses in Peking. Sie sind Masseurinnen. Die beiden jungen Frauen gehören der Dai-Minderheit an und kommen aus der fernen Provinz Guangxi im Südwesten. Über ihnen im Hochhaus wohnen Studenten, die es auf die elitäre Volksuniversität geschafft haben.

Obwohl Mei und Xue erst 18 und 19 Jahre alt sind, haben sie sich auf die über 3000 Kilometer lange Reise in die chinesische Hauptstadt gemacht. Im Unterschied zu der hanchinesischen Mehrheitsbevölkerung haben die Dai dunklere Haut und größere Augen. Im Vielvölkerstaat China leben über eine Millionen Dai.

„Hier im Massage-Salon im Keller ist es oft etwas kalt. Wir können während des Tages nur kurz an die frische Luft gehen“, berichtet Xue. Von Peking haben sie noch nichts gesehen, obwohl sie schon seit einem halben Jahr hier arbeiten. Statt sich an den zwei freien Tagen im Monat die Verbotene Stadt oder die chinesische Mauer anzuschauen, sparen Mei und Xue lieber ihr Geld. Vielleicht haben sie dann zum nächsten Frühlingsfest genug gespart, um wenigstens einmal im Jahr ihre Familie zu besuchen.

Wie Millionen anderer Bauerntöchter gehören sie zu Chinas „arbeitenden Schwestern“ (dagongmei), die in Fabriken, Restaurants und Massage-Salons arbeiten, weil es auf den Dör-fern keine Perspektive mehr gibt.

„Ich verdiene nur 800 Reminbi (74 Euro) im Monat. Außerdem mussten wir der Chefin drei Monatslöhne als Pfand hinterlegen, damit wir nicht abhauen“, erklärt Mei. Da Mobilität häufig das einzige Mittel im Kampf um die Löhne ist, versuchen in China viele Unternehmen, die Arbeitskräfte an den Betrieb zu fesseln, indem sie ein Pfand verlangen oder den Lohn erst am Jahresende auszahlen.

Mei und Xue sind häufig müde, da sie sich – abgesehen von kurzen Pausen – 24 Stunden für die Kunden bereithalten müssen. „Oft komme ich gar nicht aus dem Bett, wenn es nachts um drei Uhr klingelt. Wenn ich aber nicht aufstehe, dann zieht uns die Chefin etwas von unserem Lohn ab“, so Mei.

In China ist dieser „Schlafsaal-Kapitalismus“ weit verbreitet. Auch Fabriksarbeiterinnen wohnen in der Regel in den Wohnheimen auf dem Werksgelände. Daher sind sie für das Unternehmen zu jeder Zeit verfügbar. Sie werden auch schon mal dazu gezwungen, eine 30-Stunden-Schicht zu arbeiten, wenn ein wichtiger Auftrag erledigt werden muss. Zumindest müssen Mei und Xue das Schicksal vieler „arbeitender Schwestern“ nicht teilen, die sexuelle Dienste anbieten. In diesem Massage-Salon lassen sich überwiegend Männer aus der Mittelschicht den Rücken und die Füße massieren. Eine Stunde Fußmassage kostet bei Mei und Xue drei Euro, Rückenmassage fünf Euro. Um sich selber eine Rückenmassage leisten zu können, müssten sie zwei Tageslöhne ausgeben.

Für Peking haben Xue und Mei wie alle Wanderarbeiterinnen nur eine temporäre Aufenthaltsgenehmigung und können jederzeit „abgeschoben“ werden. Das Haushaltsregister-System (Hukou) sorgt in China dafür, dass die Wanderarbeiter sich nicht langfristig in den Städten niederlassen können. Mei und Xue haben in Peking keinen Anspruch auf irgendwelche Sozialleistungen. Wenn sie Kinder bekämen, dürften diese keine städtische Schule besuchen. Die Jobs in der Stadt sind für viele „arbeitende Schwestern“ trotzdem eine Möglichkeit, zum ersten Mal eigenes Geld zu verdienen – und den patriarchalen Strukturen der Dörfer zu entkommen. (Felix Wemheuer/ DER STANDARD Printausgabe, 20.5.2008)