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Geschlecht, Nationalität und Schulbildung der Eltern haben Einfluss auf das Ergebnis des Medizinstudium-Eignungstests. Das ergab eine aktuelle Evaluation der Bildungspsychologin Christiane Spiel. In Wien, Graz und Innsbruck gab es einen deutlichen Leistungsunterschied zu Ungunsten von Frauen und allgemein ÖsterreicherInnen im Vergleich zu Angehörigen anderer EU-Staaten. "Die Bildungspolitik ist aufgefordert, sich damit auseinanderzusetzen und schon in der Schule Maßnahmen zu ergreifen", meinte Wissenschaftsminister Johannes Hahn bei einer Pressekonferenz.

Eine testbedingte Benachteiligung von Frauen hätte nicht nachgewiesen werden können, meint Klaus-Dieter Hänsgen, Direktor des Zentrums für Testentwicklung und Diagnostik an der Uni Fribourg. Änderungen beim EMS gibt es heuer nicht, für Hänsgen wären solche erst in zwei oder drei Jahren theoretisch möglich. Er weist darauf hin, dass auch bei der ersten Summativen Integrativen Prüfung (SIP1) noch Leistungsunterschiede zu beobachten sind. Im zweiten Studienjahr holen die Frauen jedoch auf.

Auffällig sei, so Spiel, dass Frauen zwar im Auswahlverfahren schlechtere Leistungen erbringen, aber bessere Schulnoten haben – auch in Mathematik und Naturwissenschaften. Außerdem ermöglichen gute Schulnoten bei Männern eine bessere Vorhersage über den Verlauf des Medizinstudiums. Bei Frauen sei das nicht möglich, so Spiel.

Klassische Rollenbilder

Gründe könnten sein, dass Eltern und Schule die Kinder je nach Geschlecht unterschiedlich behandeln, meint Spiel: "Mädchen werden eher für Fleiß gelobt, Jungen für Leistung." Des weiteren sei zu beobachten, dass Buben öfter in naturwissenschaftlichen Fächern dran genommen werden und daher mehr motiviert sind, Leistung zu erbringen. Mädchen werde auch häufiger vermittelt, dass Mathematik für sie nicht berufsrelevant ist. "Mädchen tendieren dazu, ihre Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften eher zu unterschätzen. Sie erklären sich Erfolg oder Misserfolg durch Glück oder umgekehrt mangelnde Begabung", sagt Spiel.

Bei jüngeren Kindern gebe es noch keinen Unterschied hinsichtlich Interesse, Motivation und Leistung in mathematischen und naturwissenschaftlichen Bereichen. Ab Beginn des Jugendalters setze jedoch eine nachteilige Abweichung für Mädchen auf. Die klassische Rollenbildung spiegle sich auch in der Studienwahl wieder: Insgesamt ergreifen weniger Frauen als Männer naturwissenschaftliche und mathematischen Studien.

Sensibilisierung von Eltern, Schule und Uni

Es sei notwendig, die Vermittlung von Gendersensibilität und Chancengleichheit in der Aus- und Fortbildung von LehrerInnen und KindergärtnerInnen zu forcieren, schlägt Spiel vor. Auch die Eltern sollten durch Informationskampagnen sensibilisiert werden. Eine bessere Vorbereitung von SchülerInnen auf den Einstieg ins Studium sei durch Kooperationen zwischen Schulen und Universität notwendig. "Was weniger bekannt ist: Es gibt seit 1995 dazu ein Unterrichtsprinzip, das, meiner Meinung nach, bislang leider wenig Eingang in die Praxis gefunden hat", sagt Hahn.

Reaktionen von SPÖ, Grünen und ÖH

Frauenministerin Doris Bures sei froh, dass nun "endlich" die Studie von Spiel über das schlechte Abschneiden von Frauen vorliege, wie sie in einer Aussendung verkündet: "Wir wissen nun über die Ursachen des schlechteren Abschneidens von Frauen Bescheid und müssen das Problem an der Wurzel packen." Die Österreichische HochschülerInnenschaft und die Grüne Frauensprecherin Brigid Weinzinger verlangen in einer Reaktion die Abschaffung der Medizin-Eignungstests. SPÖ-Wissenschaftssprecher Josef Broukal sieht bei Änderungen im Schulwesen neben Unterrichtsministerin Claudia Schmied auch Hahn gefordert. Immerhin würden die Lehrer für AHS und zu einem guten Teil für die berufsbildenden höheren Schulen (BHS) an den Unis ausgebildet. Den EMS bezeichnete Broukal in einer Aussendung als "auf einem Auge blind": Der Nationalrat habe bei Einführung "einstimmig festgehalten, dass er erwartet, dass neben Wissen auch soziale Kompetenz über die Zulassung entscheidet."

"Eignungstest notwendig"

"Ein Eignungstest ist notwendig", meint Rudolf Mallinger, Vizerektor der Med-Uni Wien und weist darauf hin, dass es wesentlich mehr Interessierte, als Studienplätze gebe: "In Wien gibt es heuer wieder 12 Prozent mehr BewerberInnen, insgesamt 4200. Ein Testverfahren ist notwendig." Hahn plädiert für eine "Weiterentwicklung" der Tests, erachtet sie aber prinzipiell als sinnvoll: "Ohne Test gab es Mitte der 90er-Jahre eine Erfolgsquote von etwas über 50 Prozent. Heute bewegt sich diese Quote um die 80 Prozent." (Julia Schilly, derStandard.at, 20. Mai 2008)