Chengdu - Mehr als eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben in China wird das Ausmaß der Katastrophe immer deutlicher. Bis zu fünf Millionen Menschen sind obdachlos und brauchen dringend Notunterkünfte, wie die Regierung am Dienstag in einem dramatischen Appell erklärte. Es fehle immer noch an mehreren hunderttausend Zelten. Die offizielle Opferzahl allein in der Katastrophenprovinz Sichuan stieg auf mehr als 40.000, und aus Angst vor neuen Nachbeben flüchteten tausende Bewohner ins Freie.

"Das Ausmaß der Katastrophe ist so groß, dass die Menschen trotz großzügiger Spenden immer noch Schwierigkeiten haben, eine Unterkunft zu finden", sagte die stellvertretende Innenministerin Liang Ji. Rund 280.000 Zelte seien bereits nach Sichuan gebracht worden, weitere 700.000 seien bestellt. Die Lieferanten arbeiten rund um die Uhr, kommen aber kaum mit der Produktion nach.

Nach dem Beben vom 12. Mai werden noch immer rund 32.000 Menschen vermisst, die Regierung befürchtet insgesamt mehr als 50.000 Todesopfer. Auch die negativen Folgen für die Wirtschaft könnten größer sein als bisher befürchtet. Der Leitindex in Shanghai fiel am Dienstag um 4,5 Prozent auf 3.443,22 Zähler.

32 Kohlekraftwerke mussten wegen Nachschubmangels die Stromproduktion einstellen, in zahlreichen anderen Kraftwerken sind die Vorräte auf Tiefststände gesunken. Die Regierung kündigte Stundungen der Steuerzahlungen und direkte Hilfen für alle betroffenen Familien an.

Frau nach 195 Stunden gerettet

Wie durch ein Wunder wurde rund 195 Stunden nach dem Beben eine Frau lebend aus den Trümmern geborgen. Die 60-Jährige sei bei ihrer Rettung bei vollem Bewusstsein gewesen, berichtete der in Hongkong ansässige Satellitensender Phoenix TV. Sie habe überlebt, weil sie Regenwasser getrunken habe. Allerdings habe sie eine Hüftfraktur sowie Gesichtsverletzungen erlitten. Die Frau wurde in einem Tempel der Stadt Pengzhou bei einem Erdrutsch verschüttet.

Seit dem schweren Beben vom Montag vergangener Woche wurde die Region mehrfach von Nachbeben erschüttert. Am Montagabend registrierten US-Geologen eine Stärke von 5,2. Eine offizielle Warnung im Fernsehen löste in Sichuan eine Massenpanik aus, viele Menschen flohen für die Nacht aus ihren Häusern ins Freie oder in ihre Autos. Einwohner der Millionenstadt Chengdu flüchteten aus der Erdbebenzone ins Flachland. In der Stadt Mianyang wurde ein Krankenhaus evakuiert.

Russisches Ärzteteam

Zur Versorgung der Überlebenden trafen am Dienstag ein russisches Ärzteteam mit einem mobilen Krankenhaus sowie ein Team aus Taiwan in der Katastrophenregion ein. Das Deutsche Rote Kreuz entsendet elf Katastrophenhelfer mit einem mobilen Krankenhaus. Dieses ist mit Röntgenstation, Labor und zwei Operationssälen ausgestattet. Der Abflug ist für Donnerstag vorgesehen. Die Helfer sollen eine komplette Krankenhauslandschaft auf Zeltbasis errichten, in der bis zu 125 Patienten stationär versorgt werden können. Insgesamt will das Deutsche Rote Kreuz rund 250.000 Menschen medizinisch betreuen.

Nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua wurden bei dem Beben mehr als 30 Strahlungsquellen verschüttet. Es gebe jedoch keinen Grund zur Besorgnis. Bis auf zwei seien alle inzwischen wieder gefunden, die beiden anderen seien lokalisiert.

Weltweit sprachen Politiker der chinesischen Regierung ihr Beileid aus. US-Präsident George W. Bush besuchte am Dienstag mit seiner Frau die chinesische Botschaft in Washington und trug sich dort in eine Kondolenzbuch ein. Der britische Premierminister Gordon Brown begab sich in die chinesische Vertretung in London. "Die Gedanken des britischen Volkes sind im Moment bei dem chinesischen Volk", sagte er. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hatte bereits am Montag die chinesische Botschaft in Paris besucht. (APA/AP)