Die chinesische Regierung hat sich zu einer drastischen Maßnahme entschlossen: Die Kreisstadt Beichuan, wo drei Viertel aller Häuser einstürzten, soll 20 Kilometer weiter südlich auf flachem Land im Kreis Anxian ganz neu aufgebaut werden. Aus dem aufgegebenen Kreissitz soll ein Mahnmal für spätere Generationen werden. Von seinen vor dem 12. Mai noch 13.000 Bewohnern wurden 8605 offiziell für tot erklärt.

Permanente Gefahr

Mit der Evakuierung und Umsiedlung der Überlebenden reagiert die politische Führung auf die permanente Erdbebengefahr, in der sich als alte Beichuan befand. Es liegt direkt über der Bruchlinie zwischen den großen Kontinentalplatten, deren Reibung das Beben auslöste, und ist von abrutschenden Bergen umgeben.

Jeden Moment, so fürchten die Behörden, könnte zudem ein Stausee fünf Kilometer über dem Städtchen, der sich wild gebildet hat, brechen. Der Qinjiang-Fluss staute sich durch Bergrutsche zu einem 40 Meter tiefen See mit 40 Millionen Kubikmeter Wasser über der Stadt auf. Nachbeben und Regen könnten ihn - so wie weitere 33 neugebildete Stauseen in der Region - brechen lassen.

Akute Gefahren

Donnerstagnachmittag flog Premier Wen Jiabao nach Maoxian, eine Nachbarstadt von Beichuan, um sich aus erster Hand über die akuten Gefahren im Epizentrum zu informieren. Die chinesischen Behörden haben am Freitag die Zahl der Erdbebenopfer erneut nach oben korrigiert. Elf Tage nach der Katastrophe ist die Zahl der bestätigten Toten demnach auf mehr als 55.000 gestiegen. Der Vizegouverneur der Erdbebenprovinz Sichuan, Li Chengyun, berichtete am Freitag, dass außerdem 25.000 Menschen vermisst werden, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete.

Mehr als 200.000 Freiwillige arbeiteten im Katastrophengebiet, berichtete der Vizegouverneur von Sichuan. Allein in seiner Provinz seien 55.239 Tote gezählt worden. Mehr als fünf Millionen Obdachlose müssten angemessen untergebracht werden. Der Wiederaufbau nach dem Erdbeben werde drei Jahre brauchen. Die chinesische Regierung bat das Ausland um weitere Hilfsgüter für die Überlebenden.

Wiederaufbauprogramm

Vor seinem Abflug und zum Ende der dreitägigen Staatstrauer kündigte Premier Wen ein gigantisches Wiederaufbauprogramm an. Sein Staatsrat will noch im Olympiajahr 2008 umgerechnet rund 2,5 Milliarden Euro als Nothilfe und weitere sieben Milliarden als Wiederaufbauinvestition zur Verfügung stellen.

Bebensicherere Gebäude

Diesmal sollen bebensicherere Gebäude errichtet werden. Weitere Milliarden sollen 2009 und 2010 folgen. Wen will die Ausgaben über eine fünfprozentige Haushaltskürzung des Etats 2008 finanzieren. Für die Unterbringung der 5,2 Millionen Obdachlosen wurden in den vergangenen Tagen mehr als 400.000 Zelte ins Krisengebiet gebracht.

Für die internationale Hilfe fiel ein weiteres Tabu. Neben der Unterstützung durch ausländische Regierungen oder durch zivile Institutionen sei China bereit, die Hilfe ausländischer Militärs anzunehmen, verlautete aus dem Verteidigungsministerium.

Die Regierung hat am Donnerstag auch die Route für den olympischen Fackellauf geändert. Die Erdbebenprovinz Sichuan, durch die das Feuer Mitte Juni getragen werden sollte, ist nun zur letzten Station vor dem Beginn der Spiele am 8. August erklärt worden. China erinnert damit unmittelbar vor der Eröffnung von Olympia 2008 an seine Katastrophe. (Johnny Erling aus Peking/DER STANDARD – Printausgabe, 23.5.2007/APA/dpa/AP/reuters)