Allerlei postmoderne Zitate machen Stimmung, wenn an der nordafrikanischen Küste Ibiza gespielt wird.

Foto: Hotel Porto Marina
Grafik: DER STANDARD

Neulich war es laut in Porto Marina. Und voll war es an der Promenade, ungewöhnlich eng an den Lagunenstränden, kein Platz mehr zu bekommen auf den Terrassen der Cafés und Restaurants: Die Formel 1 der Meere machte Station an der ägyptischen Mittelmeerküste, und todesmutige Piloten ritten ihre Raketen auf dem Wasser, donnerten mit vielen hundert PS über die türkisblauen Wellen beim Rennen der "World Powerboat Championships". Einer war besonders glücklich darüber: Adel Farahat, Direktor des Luxushotels direkt an der Lagune bei El Alamein. Weil der Wettkampf seinen Ferienort und sein Haus dahin brachte, wo er es haben möchte – in den Schlagzeilen, auf Augenhöhe mit St. Tropez, mit Monaco und Marbella. Und das, obwohl noch gar nicht Saison ist.

Rummel hat Farahat ansonsten nur von Juli bis Mitte September zu managen, wenn die Einheimischen Ferien haben, wenn Scheichs aus den Emiraten seine Turmsuiten mit den halbrunden Schlafzimmern mieten – wie neulich erst der Kronprinz von Qatar, der gleich für ein paar Wochen blieb. Sie genießen, dass es ein paar Grad kühler als zu Hause ist und immer eine leichte Brise vom Mittelmeer weht.

Die gewaltigen, triumphbogenartigen Torzufahrten der zahllosen Ferienanlagen, auf die jeder Kulissenausstatter eines Hollywood-Monumentalfilms übers alte Rom stolz wäre, sind dann für zehn Wochen weit geöffnet. Sommerhäuser und Appartementblocks sind belebt, Lokale voller Gäste, und in den Straßen duftet es nach gegrilltem Fisch.

Bislang sind es fast ausschließlich Ägypter und Urlauber vor allem aus den reichen Golfstaaten der Arabischen Halbinsel, die hier ihre Ferien verbringen – und erstaunlich viele Italiener. An den Stränden geht es vergleichsweise keusch zu: Viele Frauen tragen lange Gewänder, steigen mit schwarzem Kopftuch ins Wasser. Aber innerhalb mancher Hotelanlagen, mehr noch in den Discos ist von all der Zurückhaltung nichts mehr zu spüren. Da wird plötzlich an Afrikas Nordküste Ibiza gespielt und mit durchaus knapper Kleidung zu den neuesten Arab-Techno-Hits libanesischer Stars getanzt – vor allem an den Wochenenden, wenn die jungen Ägypter zum Feiern herkommen.

"Caribia" und "Heidi" heißen diese Resort-Städtchen, und auf ihren riesigen Sperrholz-Werbetafeln entlang der Straße rekeln sich blonde Bikini-Schönheiten, tanzen in Überlebensgröße ausgesägte Surfer auf den Wellen mit Delfinen um die Wette. Die meisten Werbeschriftzüge aber sind ausschließlich in arabischen Buchstaben gehalten, und nur das meterhohe Neon-Wort "Karaoke" blinkt Tag und Nacht in roten lateinischen Leuchtbuchstaben.

In Porto Marina unterdessen relaxen die Reichsten der Reichen. Gewaltige Villen sind dort auf den Sand am Lagunenufer getürmt, teure Yachten an den Stegen vertäut – "Miami Vice"-Szenarien an Ägyptens Mittelmeerküste. Wann Farahats Plan aufgehen und "sein" Porto Marina in einem Atemzug mit St. Tropez und Co. genannt wird? Er zuckt mit den Schultern, denkt kurz nach und legt sich fest: "Jetzt!" Wahrscheinlich muss er so antworten – und ist der Zeit doch noch ein paar Jahre voraus. Dabei soll es prominenten Besuch in der Region bereits vor gut 2000 Jahren gegeben haben: Damals schaute Königin Kleopatra regelmäßig zum Schwimmen in Marsa Matrouh über 100 Kilometer weiter westlich vorbei. Sie hat Urlaub in ihrem dortigen Sommerpalast gemacht, von dem nur ein paar Mauerreste die Jahrhunderte überdauert haben. Ihr angeblicher Lieblingsfelsen aber, dessen vorgelagertes Gestein einen Ring bildet und damit so etwas wie einen natürlichen Whirlpool im Meer schafft, nennt sich bis heute werbewirksam "Bad der Kleopatra".

Ein paar Meter entfernt davon warnt an Land ein Schild vor gefährlichen Strömungen. Das Meer an dieser Bucht scheint heimtückischer geworden zu sein, seit die Pharaonin das letzte Mal mit ihrem römischen Geliebten Marcus Antonius hier gewesen ist. Dafür erinnert jetzt eine sandsteinfarbene Büste aus Beton an der Zufahrt an die Königin von einst. "Sie war oft hier, ein paar Mal in jedem Sommer", bekräftigt Rachid Al Kebir, der sich als Strandhändler diesen Abschnitt ausgesucht hat und in seinem Sortiment Uhren, Sonnenbrillen, gerollte Papyrusbildchen und Mini-Obelisken aus Alabaster für ein paar ägyptische Pfund führt. "Aber sie sah ganz anders aus, viel besser als diese Büste. Der Kopf war nicht so lang, viel runder, dazu das Lächeln viel strahlender", schwärmt er. Woher er das wissen will? "Die Väter meines Großvaters haben sie gekannt und ihren Nachkommen beschrieben. Meine Familie war schon immer hier zu Hause." Rachid scheint selber nicht ganz an seine Geschichte zu glauben – und bietet schnell dreißig Prozent Rabatt auf jeden Alabaster-Obelisken: "Weil du Kleopatra so magst!"

Auf insgesamt nur rund 230.000 Einwohner bringt es die gesamte ägyptische Westküstenprovinz, die sich vom Stadtrand Alexandrias über El Alamein und Marsa Matrouh auf mehr als 500 Kilometer bis zur libyschen Grenze erstreckt. Kein Wunder, dass die Bewohner Kairos hier durchatmen und die Weite genießen. Die ägyptische Hauptstadt bringt es auf einen Bruchteil der Fläche und auf mehr als 18 Millionen Einwohner. (Helge Sobik/DER STANDARD/RONDO/23.5.2008)