Ein paar Fakten zur laufenden Diskussion über die "Gesundheitsreform". Erstens: Die führenden Funktionäre der Ärztekammer sind Meister in der Kunst, existierende Grundsympathien zu verspielen. Wer sich so hochfahrend, unflexibel, taktisch unklug, herrisch und wider alle Gesetze der Mediengesellschaft aufführt, sollte schleunigst von den Mitgliedern abgewählt werden. Von solchen Exemplaren wird sich im Übrigen kein mündiger Patient behandeln lassen. Das sind Chefärzte von jener Sorte, die jüngere weibliche Patienten mit "Kinderl" ansprechen.

Das sind Helmut Elsners im weißen Mantel. Warum Elsner als einziger (noch) in U-Haft sitzt und weiter sitzen wird, obwohl es immer Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der Maßnahme gab, hat wohl auch etwas mit seinem Verhalten zu tun. Dass die freiberuflichen Ärzte teilweise als üble Abzocker und EURO-Bestreiker verteufelt werden können, liegt an der Elsner-haften Aufführung ihrer Vertreter.

Zweitens: Die niedergelassenen Ärzte haben vollkommen recht, wenn sie vermuten, dass die "Gesundheitsreform" auf ihrem Rücken ausgetragen werden soll. Wie an dieser Stelle schon einmal ausgeführt, geht es um die kurzfristige Rettung der Gebietskrankenkassen, besonders der in Wien, vor der Pleite.

Der gewerkschaftsnahe Sozialversicherungs-Komplex muss den Finanzminister zur Herausrückung von hunderten Millionen Euro bewegen. Der Unternehmerverband benutzt das, um mehr Macht in der Sozialbürokratie zu bekommen. Vom Standpunkt ihrer Mitglieder aus verständlich und vielleicht auch einmal mit kostendämpfender Wirkung, aber nicht das Hauptthema einer Gesundheitsreform. Zur Behübschung werden den niedergelassenen Ärzten ein paar "Reformen" aufs Auge gedrückt, ihr angebliches Abzockertum wird gebrandmarkt. Und der Hauptverband droht den streikenden Ärzten, man werde sich "andere Vertragspartner suchen". Das Politbüro des Zentralkomitees der KPdSU hat gesprochen.

Richtig, die Pharma-Industrie gibt Landärzten, die eine eigene Apotheke führen müssen, nette Rabatte auf Medikamente. Nur: Die eigenen Ärzte-Apotheken sind eine absolute Notwendigkeit im ländlichen Raum und die Rabatte eine Möglichkeit, damit auf ein angemessenes Einkommen zu kommen. Welche "anderen Vertragspartner" sucht sich der Hauptverband, wenn noch weniger Ärzte als bisher aufs Land gehen?

"Wir Allgemeinmediziner sind die Billiganbieter im System", schreibt ein Landarzt. "Wir behandeln 90 Prozent aller Kranken zu 10 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben, und das rund um die Uhr (zumindest in den Bundesländern, in Wien läuft's etwas anders)."

Daher drittens: Die niedergelassenen, freiberuflichen Ärzte mit Kassenvertrag sind wirklich nicht der Punkt, an dem eine kostendämpfende Gesundheitsreform zu allererst anzusetzen hätte. Die Wahrheit ist, dass das ganze komplizierte, eng verflochtene Krankenversicherungssystem jetzt unter dem Druck der Kosten aufbricht - und die freiberuflichen Ärzte das schwächste Glied des Systems sind. (Hans Rauscher/DER STANDARD Printausgabe, 24./25. Mai 2008)