Belgrad - Was sich viele immer schon gedacht haben, wurde nun von der europäischen Geschmackspolizei beim 53. Eurovision Song Contest am Samstagabend in Belgrad quasi amtlich bestätigt. Die No Angels sind das Letzte. Pardon - die Letzten! Der deutsche Beitrag, mit dem die vierköpfige, schon etwas in die Jahre gekommene Girlie-Group angetreten ist, landete von 14 Punkten gedemütigt am letzten Platz, ex aequo mit den Beiträgen der eigentlichen Popgroßmacht Großbritannien und Polen.

Am anderen Ende der Bewertungsskala durfte ein gewisser Dima Bilan frohlocken. Der zu Hause in Russland als Star geltende Sänger errang mit dem Stück Believe einen eindeutigen Sieg mit 272 Punkten vor der Ukraine.

Dima Bilans Beitrag war eine vom US-amerikanischen Fließband-Produzenten Timbaland entworfene Nummer aus dem Genre des zeitgenössischen R'n'B. Zu Bilans pathosschwangerer Darbietung strich ein Geiger die Saiten einer Stradivari, während um den Sänger herum auf engstem Raum ein früherer Eiskunstlauf-Star in seinen Schlittschuhen diverse Figuren lief. Ja, das war ein bisserl bizarr. Für die Ukraine ersang Ani Lorak mit Shady Lady 230 Punkte, für Griechenland trat Kalomira an und erreichte mit Secret Combination 218 Punkte und den dritten Platz.

Österreich war nicht vertreten. Insgesamt 43 Länder begehrten 2008 die Teilnahme, nach zwei Ausleseverfahren im Vorfeld traten die danach verbliebenen 25 Nationen gegeneinander an.

Wenn sich so etwas wie ein Trend bei dieser bestenfalls für Formatradioprogrammgestalter bedeutsamen Veranstaltung ablesen ließ, dann jener, dass die den Song Contest lange dominierenden ärmlichen Schlager von "aufgesexter" und oft von pyrotechnischem Schnickschnack unterstützter Disco-Meterware abgelöst worden sind.

Eine Erfahrung, die auch Kroatien machen musste. Dieses trat mit zwei Herren an, die - wie man so schön sagt - ihre Zukunft schon hinter sich haben: Mit 44 Punkten landeten Kraljevi Ulice & 75 Cents mit Romanca, einem tranigen Balkan-Tango, auf Platz 21 - gerade noch vor Finnland, das mit 35 Punkten vor dem Schlusslicht-Trio landete.

Finnland setzte nach seinem Überraschungssieg 2006, als die maskierte Metal-Band Lordi "triumphierte", auf Bewährtes und trat mit Teräsbetoni an: Einer toll geföhnten und halbnackert in genrekonformen schwarzen Lederhosen steckenden Karikatur einer Metal-Band, die mit Missä Miehet Ratsastaa auf Platz 22 landete. Möglicherweise schon bald in der neu übernommenen Szene Wien hautnah zu erleben!

Seinen Ruf als eher bedeutungslose Veranstaltung ohne künstlerische Relevanz konnte der Song Contest also auch dieses Mal nicht abstreifen. Was sich fortsetzte, ist das Phänomen, dass die jungen Staaten des Ostens den Song Contest merkbar ernster nehmen als die Länder Westeuropas, die aus dem Wettsingen keinen ihre Identität unterstreichenden Gewinn beziehen, ja, den Song Contest eher als rufschädigend einschätzen.

Nach Sichtung des heurigen Bewerb kann man sagen: nur verständlich. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.5.2008)