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Den "Orchideenfächern" eilt nicht immer ein guter Ruf voraus. Ihnen wird häufig Mangel an Praxisbezug und Realitätsferne vorgeworfen.

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"Lernt man eine Sprache, die nicht jeder spricht, bringt das gerade am Arbeitsmarkt große Vorteile", so Mikko Kajander, Lektor der Fennistik.

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"Brotlos." "Orchideenfächer, das sind Studienrichtungen, mit nur wenigen Studierenden." "Eine Orchidee ist zwar schön anzuschauen, aber nutzlos." "Orchideenfach – noch nie gehört." "Orchideenstudien, gibts das auf der Boku?"

 

Die Assoziationen von Studierenden zum Begriff "Orchideenstudium" sind vielfältig. Der Volksmund versteht unter diesem Ausdruck Studienrichtungen, die nur eine kleine Anzahl an StudentInnen wählen. Oft sind es Fächer, die österreichweit nur einmal angeboten werden. derStandard.at hörte sich im Universitätsbereich um.

Orchideen: selten und teuer

Der Ausdruck "Orchideenfach" wird offiziell, das heißt seitens des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung, abgelehnt, da er eine Wertung transportiere. "In der Diskussion wird dieser Begriff oft negativ besetzt, da es sich um ein Produkt handelt, das relativ wenig nachgefragt wird und eine Menge Geld kostet", sagt Friedrich Faulhammer, Hochschul-Sektionschef des Bundesministeriums im Gespräch mit derStandard.at. "So sehen wir das aber nicht: Sondern das sind Fachrichtungen, die einen wichtigen wissenschaftlichen Stellenwert haben und die unabhängig von eventuell geringer Studierendenzahlen angeboten werden sollen."

Alles akademische Arbeitslose?

Auch wenn ein Studium zahlenmäßig nur wenig StudentInnen anzieht, sind die AbsolventInnen am Arbeitsmarkt nicht chancenlos. Das beweist das individuelle Diplomstudium Numismatik und Geldgeschichte, ein Studium, das sehr selten gewählt wird: "Am Arbeitsmarkt schaut es ganz gut aus, wir produzieren keine akademischen Arbeitslosen", sagt Wolfgang Hahn, Institutsvorstand der Numismatik. "In dieser Beziehung hat unser Institut keine Sorgen, solange sich die Absolventenzahlen in kleinen Maßen halten."

Gut ausgebildetes Personal wird auch in Nischenmärkten benötigt, zudem kann die zukünftige Nachfrage an fachspezifischen Qualifikationen nie mit Bestimmtheit prognostiziert werden. Ein Studium, das vor 50 Jahren noch als "Orchideenfach" galt, kann sich durch veränderte Rahmenbedingungen – Stichwort Globalisierung – etablieren. "Gerade durch die Erweiterung der Europäischen Union werden die Sprachen der EU-Länder immer wichtiger", meint Mikko Kajander, Lektor der Fennistik (finnische Sprache und Kultur) an der Universität Wien. Dabei gab es im Studienjahr 2006/07 lediglich vier AbsolventInnen der Finno-Ugristik. "Lernt man eine Sprache, die nicht jeder spricht, bringt das gerade am Arbeitsmarkt große Vorteile", so Kajander.

"Konjunkturen sind nicht immer absehbar", erklärt Konrad Köstlin, Institutsvorstand der Europäischen Ethnologie in Wien. "Wir sehen heute, dass für bestimmte Bereiche der Nachwuchs fehlt, weil man ihn weggespart hat", plädiert Köstlin für eine Fächervielfalt an den Universitäten. "Auch in einem Bereich wie unserem wird sich erkennen lassen, dass der Bedarf an Leuten, die bei uns studiert und Kenntnisse mitbekommen haben, eher noch steigen wird."

Money, money, money ...

Neben der geringen Anzahl an StudentInnen in bestimmten Fächern wird die "Orchideen"-Symbolik ebenfalls mit einem nicht direkt "verwertbaren" Studium in Verbindung gebracht und das Fehlen des ökonomischen Aspekts thematisiert. Byzantinistik und Neogräzistik, Altsemitische Philologie und orientalische Archäologie oder Judaistik– wo sollen die AbsolventInnen dieser Fächer arbeiten?

Für "Orchideenfächer" sei es oft schwierig, einen direkten gesellschaftlichen Nutzen nachzuweisen. "Das macht diese Fächer natürlich für manche Leute – nicht für die klügsten – angreifbar", sagt Köstlin im Gespräch mit derStandard.at. Fächer wie die Europäische Ethnologie sollten als eine Art Grundwissenschaft für das Verstehen von Kultur und Gesellschaft betrachtet werden. "In unserem Fach werden Schlüsselkompetenzen in Sachen Kultur vermittelt. Studierende werden ausgebildet, um im breiten Bereich der öffentlichen Kulturarbeit tätig zu werden", so Köstlin. Allerdings fügt er hinzu: "Anders als in sehr einschlägigen Berufen sind die Betten nicht gemacht, sondern die Studierenden müssen sich ihre Betten selber suchen."

Praxis als Fremdwort?

Als weiterer Kritikpunkt dient häufig der nicht vorhandene Praxisbezug. Was tragen Vorlesungen wie "Die Kulturgeschichte der Geburt" oder "Buddhistische Lektüre: Erkennen jenseits des Wahrnehmbaren" zur Qualifikation für den Arbeitsmarkt bei? Mit praxisfernen Studien hätte man ohnehin keine Chance im gewünschten Bereich zu arbeiten, so Kritiker – egal, meint Fanny Müller-Uri vom Bildungspolitischen Referat der ÖH Wien. "Warum muss Wissenschaft ökonomisch verwertbar sein?" Wichtiger sei es zu lernen, die Gesellschaft großräumiger zu betrachten und kritisch zu denken, um so einen gesamtgesellschaftlichen Beitrag leisten zu können. Dies würde besonders auch in Fächern, "in denen weniger ‚Handwerk’ erlernt wird", geschehen.

Die Zukunft der schönen Blume

Auch wenn ein vielfältiges Angebot an den Universitäten angestrebt wird, ist die Frage, was als eigene Studienrichtung angeboten wird, eine andere. "Es kann durchaus sinnvoll sein, bestimmte Fachbereiche zusammenzufassen, in ein gemeinsames Curriculum zu packen. Da muss nicht jede einzelne Fachrichtung ein eigenes Studium darstellen", so Faulhammer vom Bundesministerium. Grundsätzlich ist die Um- und Ausgestaltung des Studienangebots Sache der Universitäten, über die Leistungsvereinbarung zwischen Universitäten und dem Bundesministerium habe dieses aber eine wesentliche Steuerungsfunktion. Die Vorbereitungen für die nächste Periode der Leistungsvereinbarung 2010 bis 2012 sind im Gange. "Auch Kooperationen zwischen mehreren Standorten, könnten besonders hinsichtlich der kommenden Leistungsvereinbarungsperiode ein interessanter Weg sein." (urs, derStandard.at, 26.Mai 2008)