Gilles Peterson rockte mit Jazz das "Spring-Eight".

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Graz – Die fünf Tage des am Sonntag zu Ende gegangenen Festivals "SpringEight" erwiesen sich als bunt geschnürter Blumenstrauß der elektronischen Musik, wenngleich hier freilich der Schweiß dem Hirnschmalz vorgezogen wurde, die Party vor dem Experimentellen stand.

Wie bei Festivals üblich, galt es, eine höchstpersönliche, möglichst erlebnisintensive Verkettung von Erfahrungen zu gestalten, um dann mit Sicherheit wieder zu verpassen, wie am anderen Ende der Stadt dem Wiener DJ Rodney Hunter von der Polizei der Strom abgedreht wurde.

Während zwei Legenden des House, Sänger Robert Owens und Produzent Larry Heard, mit erwartungsgemäß beseelten Auftritten am Freitagabend leider bei nur kleinen Teilen des Publikums im Dom im Schlossberg andocken konnten, versetzte unter gänzlich anderen Vorzeichen der Kanadier Mocky als Grandseigneur in schlafrockähnlichem Oberhemd und Seidenschal das mäßig gefüllte Orpheum in relative Verzückung.

Der Multiinstrumentalist aus der Posse rund um Sängerin Feist und ihren ebenfalls musizierenden Produzenten Gonzales baute bei der Umsetzung seines Neo-Funk auf Reduktion. "It’s simple, really", ließ er das Publikum wissen, begleitet nur von einem Schlagzeuger und einem Mann an den Tasten. Er selbst sang, bearbeitete ausgelassen sein Mini-Drumkit und leierte wie mit Absicht ungenau von Prince geborgte Soli aus der Gitarre. Hier wurden haspelnd und mit sich überschlagender Zunge die Sprachkaskaden eines Rappers wie Busta Rhymes beschworen, dort bemüht sich Mocky um großzügige Publikumspartizipation.

Einen Höhepunkt des "SpringEight" markierte das DJ-Set des Londoner Überconnaisseurs Gilles Peterson, der mit seinen stilbildenden Labels Acid Jazz, Talkin’ Loud und Brownswood Recordings der Welt beständig den geschmacksicheren Schunkelgroove zwischen Soul und einer Weltmusik ohne schalen Beigeschmack näherbringt.

Wer aber an diesem Abend zurückgelehnte Entspannungsmusik im Geiste von Downbeat und Kaffeehaus-Compilation erwartet hatte, wurde enttäuscht: In einem der überzeugendsten Sets des Festivals kam Peterson nach stark bläserinfiziertem Funk über House und Abzweigungen nach Lateinamerika bei beatlosem Jazz – "Are You Ready For Some John Coltrane?" – an und brachte auch bei gedrosseltem Tempo – etwa mit Screamin’ Jay Hawkins’ ewigem Dämonen-Lovesong I Put A Spell On You – den Saal nicht aus dem Tanzschritt. Wie zufällig brach er sein Image vom elitären Experten mit kleinen Tanzeinlagen, Jesus-Pose hinterm Pult und – den Schalk im Nacken – Durchsagen ins Mikrophon: "Whazzup, Graz?"

In der Bar des Clubs PPC legte danach eine Gesandtschaft des englischen Labels "SoulJazz" vornehmlich uralte Singles aus den Abteilungen Soul und Reggae auf die Plattenteller und übte sich so in der labeleigenen Wurzelforschung. Schließlich macht sich Betreiber Stuart Baker seit gut 17 Jahren um die Wiederveröffentlichung längst verlorengeglaubter Schätze verdient.

Bei den Gästen stieß man damit auf offen Ohren, aber: wo waren die vielen anderen Menschen? Wohl in der Postgarage, dem DJ-Set von Joe Goddard von den Dancefloor-Kaisern Hot Chip lauschend, möglicherweise an einem ganz anderen der vielen Schauplätze der Nacht. (Philipp L’Heritier, DER STANDARD/Printausgabe, 27.05.2008)