William Kentridge: "Ich bin kein Sozialarbeiter. Mein Engagement findet in meinem Atelier statt."

Foto: Fischer
Wien – Es ist der Strand an dem 1912 sein Urgroßvater ertrunken ist, erzählt William Kentridge. In Film Tide Table (2003) verknüpft Kentridge diesen Ort persönlicher Geschichte mit seiner künstlerischer Arbeit, mit sozialen und politischen Fragestellungen seiner Heimat, Südafrika.

Kentridge ist kein Prediger. Seine Geschichten, handgezeichnete Trickfilme, erzählen aus der Perspektive der Weißen vom Alltag in Südafrika und doch vermögen sie die Verbrechen des Apartheid-Regimes zu thematisieren. Kohlezeichnungen in denen er die beweglichen Teile ausradiert und neu zeichnet, sind die Grundla-gen seiner Erzählungen, in denen die Hauptfigur in Anzug und Hut oft jener des Künstlers gleicht. Seine Beobachtungen fasst er in expressive, eindringliche, metaphorisch aufgeladene Bilder. Bilder, die das Thema Schuld und Vergebung transportieren. Denn obwohl 1989/90 das Ende der Apartheid eingeläutet wurde, ist die Verarbeitung der Verbrechen, die Vergebung der Schuld ein Prozess, der noch lange andauern wird.

Reinigen und Ertrinken

In Tide Table ist das Motiv des Meeres und des Wassers zentral. Es trägt sowohl das Bild des Wegwaschens und der Reinigung in sich, als auch jenes des Ertrinkens, ebenso wie Gedanken an Dinge, die das Meer verschluckt und nicht mehr hergibt oder als etwas anderes, als etwas Transformiertes zurückgibt. Müde sitzt der Weiße, Erholung – oder Vergebung? – suchend im Liegestuhl. Ein Schwarzer trägt einen toten Körper auf den Armen aus dem Meer, eine Welle umspült beide, der leblose Körper verschwindet. Die Szene variiert und die Brandung lässt statt dem Körper einen großen Stein zurück.

Nun hat der 1955 in Johannesburg geborene William Kentridge, dessen ganze Familie sich als Richter oder Anwälte in der Anti-Apartheid-Bewegung engagierte, den Oskar-Kokoschka-Preis 2008 erhalten. Zeitgleich zur Preisverleihung in Wien, eskaliert die Gewalt in Südafrika. Ein Land, dass Kentridge nur für seine Studienjahre in Paris und einigen "zu lauten" Jahren in New York verlassen hatte. Jetzt lebt er mit seiner Familie ständig in Johannesburg. "Ich weiß eigentlich nicht in welches Land ich nun zurückkehre", sagt Kentridge. Und in einer Mischung aus Betroffenheit und Entsetzen fügt er hinzu:"Zwei Kilometer von dort, wo ich lebe, herrscht Krieg." Die Gewalt schwarzer Südafrikaner, als Folge lange bestehender ausländerfeinlicher Ressentiments, die sich jetzt gegen andere Afrikaner, Flüchtlinge aus Kenia oder Zimbabwe entlädt, ist für ihn nicht nachvollziehbar. "Sicher", relativiert Kentridge, "die Leute haben viele Jahre lang in sozial schwierigen Situationen gelebt, aber was ist es, das diese Frustrationen über diese Umstände eher in Gewalt gegen die Menschen um sie herum ausschlagen lässt als gegen die Ursachen oder Verursacher dieser Frustrationen?"

"Es ist doch merkwürdig", rätselt Kentridge, "dass die Gewalt an manchen Ecken halt macht, dass bereits auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Dinge in Ordnung sein können?" Wie er auf die aktuelle Situation künstlerisch reagieren wird, weiß er noch nicht. Aktuell überwiegen die Emotionen. "Ich bin kein Sozialarbeiter, ich arbeite in meinem Atelier." Die Wege, wie er seine Arbeit fortsetzt, findet Kentridge im Entfalten der Bilder, die "ohne Zweifel von den schrecklichen Ereignissen" geprägt sind.

Für den Zeichner, den der Effekt des Zurückspulen eines Handycam-Filmes einst zum Trickfilm brachte, sind auch die Einzelbilder, die sogenannten Stills, von Bedeutung. "Manchmal digitalisiere ich jene, die als sie selbst funktionieren und überraschend und interessant sind, erkunde sie zeichnerisch und mache andere Arbeiten um sie herum.

Die Zeichnung ist verbindendes Element in allen seinen Arbeiten, ob er nun filmt, Oper inszeniert oder Theater macht. "Es geht darum, dass die Offenheit gegenüber allen Medien möglich ist, möglicherweise sogar zur gleichen Zeit." In der Renaissance war die Zeichnung von autonomen Stellenwert, meint Kentridge. Heute offenbare sich ihr zentraler Charakter darin, dass sie das Denken, das hinter allen anderen künstlerischen Prozessen steht, beurkundet. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe, 27.05.2008)