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"Meine Filme veranschaulichen Gefühle über bestimmte Themen, aber keine Ideen. Sie sind nicht sehr didaktisch." Einfache Kategorien wie die des politischen Filmemachers schätzt der französische Regisseur Laurent Cantet nicht besonders. Seine Filme beschäftigen sich zwar bevorzugt mit aktuellen gesellschaftspolitischen Inhalten – Rationalisierungsprozesse in einer Fabrik, Effekte von Arbeitslosigkeit oder Sextourismus. Er betrachtet dies aber eher als erzählerische Notwendigkeit. Ohne Arbeit und die sozialen Fragen, die sie aufwirft, wäre das Porträt eines Menschen nicht komplett.

Am Sonntag wurde Laurent Cantet für seinen Film Entre les murs, der die Dynamik in einer Pariser Schulklasse beschreibt, beim Filmfestival in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet – es ist die erste Auszeichnung für Frankreich seit 21 Jahren. Umringt von den jugendlichen Laiendarstellern, die mit ihrer Direktheit viel für die Glaubwürdigkeit des Films tun, nahm er den Preis entgegen. Ein würdiger Sieger in einem Festivaljahr, in dem besonders viele Filme mit politischer Ausrichtung zu bemerken waren.

Cantet, 1961 in der kleinen Gemeinde Melle nahe von Bordeaux geboren, führt mit Entre les murs die Dringlichkeiten einer multikulturellen Gesellschaft vor. "Immer mehr Leute machen aus der Schule einen heiligen Ort. Ich hingegen wollte einen Mikrokosmos zeigen, in dem Gleichheit und Ungleichheit konkret ausverhandelt werden."

Mit seiner Sensibilität für soziale Themen schließt Cantet im französischen Kino an Regisseure wie Bertrand Tavernier an, die weniger durch stilistische Vorlieben auffallen als durch formale Wendigkeit.

Nach Abschluss der Pariser Filmschule Femis drehte er mehrere Kurzfilme. Der eigentlich für das Fernsehen produzierte Film Ressources humaines verhalf ihm 1999 zu größerer Bekanntheit. Ein junger Mann erhält darin die Aufgabe, das Personal jener Fabrik zu verringern, in der sein Vater arbeitet. Der Nachfolgefilm L’emploi du temps erzählt von einem Familienvater, der entlassen wurde und vortäuscht, weiter seinem Job nachzugehen. Cantet, der selbst Vater zweier Kinder ist, verweist gern auf sein Elternhaus, wenn man ihn nach seiner politischen Prägung fragt. Er verbrachte viel Zeit bei den Großeltern, weil Mutter und Vater "ständig gegen irgendetwas protestieren waren".

Von Beruf waren übrigens beide Lehrer. Cantet bringt also in jeder Hinsicht familiäres Vorwissen mit. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 27.05.2008)