Arbeit in der Möbelwerkstatt der Heilanstalt "Izlaz" (Ausweg) nahe Sarajewo. Ein Großteil des Betriebs wird mit Spenden von Firmen und Privatpersonen aus dem In- und Ausland finanziert.

Foto: Erdin Kadunic
Heroin macht glücklich. Wird in jede Faser des Körpers gepumpt. Gibt einen Moment Ruhe und Wärme. Zufriedenheit. Heroin macht satt, lässt vergessen, macht gleichgültig. Heroin befreit und Heroin macht abhängig, unter Umständen bis zum Tod. Das Opiat bahnt sich seinen Weg von Afghanistan durch Russland bis nach Europa. In Bosnien hat es Muamer gefunden und ist bei ihm geblieben.

Wie lange genau, kann der 35-Jährige gar nicht mehr sagen. Etwa 13 Jahre, meint er. Muamer hat in Novi Pazar gelebt, im serbischen Sandschak, das mehrheitlich von Bosniaken bewohnt ist. Muamer selbst war dort berüchtigt. Das sagt allerdings nicht er, das sagt sein Therapeut, der Pädagoge und Leiter der Heilanstalt Amir Turkoviæ. "Wir haben Probleme gemacht", sagt Muamer nur.

Nicht großgewachsen, aber kräftig, dichte, dunkle Haare, der Gesichtsausdruck ein bisschen gequält, macht Muamer keine großen Worte. Einige Zeit habe er im Gefängnis zugebracht, "wegen Diebstahls und Drogen", sagt er und knetet seine Hände. Jetzt aber sei alles anders. Muamer hat Allah kennengelernt und braucht nun kein Heroin mehr.

Starker Andrang

Der Mann ist einer der Patienten, die in der Heilanstalt in Ilijaš nahe Sarajewo einen Neuanfang gemacht haben, und so etwas wie ein Vorzeigepatient: ein Verbrecher, der sich von den Drogen ab- und Allah zugewandt hat. Seitdem Muamer, der stadtbekannte Kriminelle aus Novi Pazar, im Drogen_entzugszentrum "Izlaz", was Ausweg bedeutet, zum guten Menschen geworden ist, rufen ständig Familien an und wollen ihre Söhne zur kostenlosen Rehabilitation nach Ilijaš schicken. "Mindestens täglich einmal meldet sich jemand und will Hilfe", sagt Turkoviæ. Der Leiter der Anstalt ist stolz, dass Muamer es geschafft hat.

Doch Muamer ist nicht allein. Mittlerweile hat das Zentrum eine enorme Erfolgsrate. "Von 172 Nutzern sind 35 Prozent geheilt. Die Heilungsrate bei den Nutzern, die ein gesamtes Jahr im Zentrum verweilen, ist noch höher: 80 Prozent. Ein Großteil der Nutzer ist schon seit mehreren Jahren clean", berichtet Turkoviæ.

Neben der klassischen Beschäftigungstherapie widmet sich das Heilzentrum auch mit einem einzigartigen Aspekt in Bosnien-Herzegowina: der religiös-spirituellen Therapie. Hierbei spielt Sulejman Bugari, ein junger und charismatischer Imam aus Sarajewo, eine große Rolle im Erfolgsprozess bei der Heilung der Patienten. Die Statistiken zeigen, dass nahezu alle Nutzer des Zentrums keinen Bezug zu Gott oder Religion hatten. Imam Bugari bringt ihnen den Glauben an Gott zurück. "Mit einer Leichtigkeit und Freude habe ich die Botschaft vernommen, die Sulejman uns vermittelt", meint Muamer, der, wenn er über Bugari spricht, ein breites Lächeln im Gesicht hat.

Wieder zu Gott gefunden

Um das Seelenheil der Männer kümmert sich neben Bugari auch die Psychologin Šejla Hadžikadiæ. Kemal, der im Alter von 21 Jahren bereits auf eine fünfjährige Drogenerfahrung zurückblicken kann, hat den Weg zu Gott wiedergefunden. Früher war er kein praktizierender Muslim. "Allah hat mir geholfen, niemand anders. Vorher wollte ich von Gott nichts wissen, doch heute habe ich gemerkt, dass Allah mein Ausweg ist", resümiert er.

"Die Liebe zu Allah und zum Propheten Mohammed wecken, als auch die moralischen und ethischen Werte des Islams entdecken und leben", nennt Sulejman Bugari seinen Ansatz. "Es geht darum, dass du zu den Wurzeln der Moral und der Ethik des Islams zurückkehrst. Gezwungen wird hier niemand. Die Leute suchen, sie kommen freiwillig zu uns und wir bieten ihnen einen Ausweg." Das Projekt lebt vor allem von privaten Zuwendungen. Zur geringen Hilfe des Kantons Sarajewo, die gerade die Kosten für Strom, Heizung und Wasser deckt, kommen Sachspenden von Firmen.

Es sind aber auch viele Einzelpersonen, Freunde des Zentrums, die auch aus der bosnischen Diaspora, aus Österreich, Deutschland und der Schweiz, das Zentrum finanziell unterstützen. "Ohne deren Hilfe müssten wir hier sehr schnell aufgeben", sagt Turkoviæ. Momentan hat das Zentrum eine stattliche Ausstattung. Eine Werkstatt für die Herstellung von Kleinmöbeln ist bereits fertig. Der Gebetsraum ist ebenso vorhanden. Des Weiteren gibt es einen Computerraum, wo Kurse angeboten werden. "Durch anerkannte Zertifikate aus den verschiedenen Kursen, sei es nun der Computerkurs oder die Möbelwerkstatt, möchten wir die Resozialisierung erleichtern", sagt die Psychologin Hadžikadiæ.

Muamer hat jetzt Arbeit, neue Freunde, ein neues Leben. Und Pläne: "Ich habe eine sieben Jahre alte Tochter", sagt er. "Die will ich jetzt auch mit Allah bekannt machen und mit ihr die Zeit nachholen, die wir bisher verpasst haben." (Erdin Kaduniæ aus Sarajewo/DER STANDARD-Printausgabe, 27.5.2008)