Vom alten Schlösschen am Dorfeingang stehen nur noch die Grundmauern. Dahinter türmt sich Unrat - vom alten Schuh bis zur kopflosen Barbie. Das vor mehr als 200 Jahren von einem reichen Gutsherrn errichtete Gebäude diente während des Kommunismus der landwirtschaftlichen Genossenschaft als Verwaltungszentrum. Als nach der Wende die maroden Staatsbetriebe zusperrten, stand das prächtige Gutshaus leer.

Allerdings nicht lange. In Hostice, einer ostslowakischen 900-Einwohner-Gemeinde nahe der ungarischen Grenze mit hohem Roma-Anteil, bleibt nämlich kaum ein verlassenes Gebäude unbewohnt. Mehr als 50 Menschen hausten bis vor ein paar Jahren im alten Schlösschen. Auf die Frage, wohin die alle verschwanden, wenn sie mal wohin mussten, will Bürgermeister Ondrej Berki, weißes Hemd, schwarze Lederschuhe, Zigarette Marke "Sparta Classic" im Mundwinkel, nicht näher eingehen. Eine unbestimmte Handbewegung, die das unwegsame Gelände rund um das Schloss einschließt, muss als Antwort reichen.

Roma-Siedlung im Bau

"Es war klar, dass die Leute so schnell wie möglich da raus mussten", sagt der 61-Jährige, selbst Rom und seit zehn Jahren Oberhaupt der Gemeinde. 2005 zogen die ersten Familien in die von der EU geförderten Sozialwohnungen, inzwischen ist eine zweite Roma-Siedlung im Bau. Besonders komfortabel sind die neuen Ein- bis Zwei-Zimmer-Wohnungen, in die mehrköpfige Familien einziehen sollen, nicht. Aber immerhin verfügen sie über Bad und Küche; für einen Gutteil der in der Slowakei lebenden Roma nach wie vor nicht selbstverständlich. Daran haben auch die rund 65 Millionen Euro, die die Union in den vergangenen Jahren in Hilfsprojekte steckte, nicht viel geändert.

Zwei Drittel der Bürger von Hostice sind Roma, die Volksgruppe ist in dieser Region seit dem Mittelalter ansässig. Statt Romanes sprechen sie heute Ungarisch. Die wenigsten haben Arbeit. Mehrere Generationen wohnen gemeinsam in halbverfallenen Häusern oder Baucontainern. Man lebt von Almosen und Gelegenheitsjobs.

Weil der Großteil der Bettler, die in Graz unterwegs sind, aus Hostice und Umgebung kommen, versucht der Gründer der Grazer Vinzenzgemeinschaft, Wolfgang Pucher, vor Ort zu helfen. Seit kurzem produzieren einige Frauen aus dem Dorf Nudeln, die von Vinzi-Mitarbeitern nach Österreich gebracht und dort verkauft werden.

Besuch bekommen einige Roma-Familien aber auch regelmäßig von Heinz Kumpf und Toni Fleihaus. Nach dem die beiden eine TV-Dokumentation über die Situation von Roma in der Slowakei gesehen hatten, beschlossen sie, selbst Kleidung, Kleinmöbel und Haushaltsgeräte zu sammeln und in die Ostslowakei zu bringen. Inzwischen haben Kumpf und Fleihaus, gemeinsam mit einigen engagierten Freunden und Bekannten, den Verein "Roma Direkthilfe" (direkthilfe-roma@gmx.at) gegründet und bringen alle zwei Monate Hilfsgüter aus Österreich nach Hostice.

Dabei hat sich der Verein das ehrgeizige Ziel gesetzt, einzelne Familien beim Aufbau einer eigenen Existenz zu unterstützen. Menschen, die seit 20 Jahren - vor der Wende arbeitete praktisch jeder in der Landwirtschaft - von Sozialhilfe und Almosen leben, sind allerdings schwer zu motivieren.

Betteln kein Problem

"Betteln ist für die meisten kein Problem", sagt Fleihaus "wenn man die Leute aber fragt, was sie für ihren Lebensunterhalt brauchen, bekommt man selten eine schlüssige Antwort." Hin und wieder treffen die Österreicher aber dann doch auf Menschen, die sich selbst helfen wollen: Susa Danyi zum Beispiel. Sie baut gemeinsam mit ihrer Familie auf dem kleinen Stück Acker vor ihrem Haus Gurken an, im Herbst will sie das Gemüse einlegen und den Direkthilfe-Leuten mitgeben. Dabei hat Danyi um jeden Cent, den der Familie pro in Österreich verkauftem Glas Gurken übrig bleiben soll, hart gekämpft. Es soll sich schließlich auszahlen, dass man sich einen Sommer lang abrackert.

"Es ist schwierig, den Leuten begreiflich zu machen, dass man nachhaltig helfen will", sagt Direkthilfe-Gründer Kumpf "aber solche Projekte sind ein guter Anfang." (Martina Stemmer aus Hostice/DER STANDARD, Printausgabe, 27.5.2008)