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Grünen-Chef Alexander Van der Bellen

Foto: APA/Tobias Orth
STANDARD: Sprit ist teuer wie nie zuvor, und es gibt eine Kakophonie an politischen Forderungen, wie man die Autofahrer entlasten soll. Sind Sie jetzt erfreut darüber, dass der Benzinpreis endlich so hoch ist, wie ihn die Grünen immer gern gehabt hätten?

Van der Bellen: Freuen tun wir uns nicht. Weil die Politik und die europäische Autoindustrie ihre Chance verschlafen haben, verbrauchs-ärmere Pkws zu produzieren. Diese wären technisch längst möglich.

STANDARD: Das tun sie ja ohnehin jetzt auch schon: Sie kaufen stärkere und größere Autos, manchmal billige, seltener sparsamere.

Van der Bellen: Offenbar haben sich viele Leute früher nicht danach gerichtet. Ich muss gestehen: Vor drei Jahren, als ich mein Auto geleast habe, war der Verbrauch sekundär. Heute würde mehr darauf achten.

STANDARD: Sie fahren noch immer Ihren Alfa?

Van der Bellen: Den fährt hauptsächlich mein Sohn, weil er auf dem Land arbeitet. Toyota hat uns zwei Testautos, Prius-Hybrid, zur Verfügung gestellt. Da sieht man, was technisch möglich ist. Sie haben einen Listenwert bei CO2 von 104 Gramm pro Kilometer, und nicht wie der Durchschnitt der europäischen Autos von 160.

STANDARD: Die Gesamtpalette des Toyota-Konzerns hat aber auch keine gute CO2-Bilanz.

Van der Bellen: Stimmt schon. Aber in Kalifornien verkaufen sie zigtausende Hybridautos. Dort ist es schick, bei uns noch nicht.

STANDARD: Die Europäer wollen sparsamere Autos bauen, sagen sie, das sind aber keine Billigautos, und werden deswegen weniger gekauft.

Van der Bellen: Von Bekenntnissen haben wir schön langsam genug. Von den selbstgesteckten Zielen bei den Emissionen ist man weit entfernt. Ich glaube, dass sich das Nachfrageverhalten der Käufer stark ändern wird.

STANDARD: Sollte der Gesetzgeber Ihrer Meinung nach zu Nachdruck verhelfen?

Van der Bellen: Die Normverbrauchsabgabe sollte viel deutlicher gespreizt werden als vorgesehen. Für verbrauchsarme Pkws könnte sie überhaupt gestrichen werden, und im Suff-Bereich – ich habe mir abgewöhnt, SUV zu sagen – sollte man entsprechend zuschlagen. Das Zweite wäre, weniger den Besitz zu besteuern als das tatsächliche Fahren – wobei man auf die Pendler Rücksicht nehmen müsste.

STANDARD: Was sollte da gemacht werden?

Van der Bellen: Eine Überprüfung der einkommensteuerlichen Maßnahmen mit dem Ziel einer Besserstellung derjenigen, die mit Öffis fahren könnten, es bisher nicht tun, aber umsteigen wollen. Im Tarifangebot gibt es eine interessante Entwicklung: mit einer „Mobicard“ wird am Jahresende, egal, ob man Straßenbahn, Bus, Zug verwendet hat, der günstigste Tarif abgebucht. Der Bund müsste die Zuschüsse für den Nahverkehr erhöhen. Der Verkehrsminister muss den Schwerpunkt auf den Regionalverkehr lenken, nicht auf unsinnig teure Großprojekte, die nur dem Fernverkehr dienen.

STANDARD: Zum Thema Biosprit. Die Grünen waren vor einem Jahr noch total dafür, jetzt wurde aus Bio Agro und die Lebensmittel sind teurer denn je. Sind Sie geläutert?

Van der Bellen: Absolut. Spätestens seit den Hunger-Aufständen ist ein Erwachen eingetreten. Es hat nur dann einen Sinn, wenn pflanzliche Abfälle verwendet werden können – die berühmte zweite Generation der Biokraftstoffe. Aber nicht Mais, Weizen oder Ähnliches. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.5.2008)