Lavinia Schuster bei der Käseproduktion: "Als wir hier im Dorf Moschna anfingen, hatte ich Befürchtun-gen, dass wir zu sehr isoliert sind. Aber das ist nicht so, heute ist es manchmal sogar zu viel."

Foto: Der Standard/Thomson
Moschna - "Ich hätte früher nie gedacht, dass ich einmal Bäuerin werde", sagt die Rumänin Lavinia Schuster (38). Sie hatte ein Leben in der Stadt geplant. Doch dann kam sie mit der Schweizer Landwirtschaft in Kontakt und fing Feuer. Sie hatte mehrfach als Dolmetscherin rumänische Frauengruppen auf Schweizer Biohöfe begleitet. Zu dieser Arbeit kam sie über ihren Mann, der für die Christliche Ostmission arbeitete. "Beim Übersetzen habe ich auch Käse machen gelernt", sagt sie und lacht.

Deutsch lernte sie, weil ihr Mann Wilhelm (42) aus einer deutschsprachigen Familie (Siebenbürger Sachsen) stammt und viele Deutsche regelmäßig zu Besuch kamen. Nach den Aufenthalten in der Schweiz ließ sie der Gedanke "Was die können, können wir auch" nicht mehr los. Mit ihrem Mann hatte sie 1999 im Siebenbürger Hügelland in der Nähe der rumänischen Stadt Mediasch ein kleines Haus gekauft und zwei Kühe angeschafft. Das sollte eigentlich der Beginn einer Mutterkuhherde werden. Zwei Entrahmungsschüsseln aus der Schweiz waren nun der Grundstock für die Käserei, sie stellten auf Milchproduktion um.

"Schon immer Kinder"

"Eigentlich hatte ich schon immer Kinder", sagt sie. "Beim ersten war ich 21 Jahre. Heute sind es schon fünf im Alter von vier bis 17." Das Familienleben spielt sich in der Küche und im angrenzenden Wohnraum ab. Der älteste Sohn sitzt am Computer, eine Tochter übt Geige, der jüngste Sohn hat sich wehgetan und will getröstet werden. Ein befreundetes Ehepaar ist zu Besuch und nimmt an der Küchenspüle Fische aus, die gleich draußen im Hof gegrillt werden sollen. Das Feuer brennt schon.

Lavinia Schuster sitzt am Küchentisch und erzählt. Nebenbei dreht sie noch einmal schnell die Käseformen der heutigen Produktion um. Sie hat eine Botschaft: "Was ich tue, ist wichtig, bringt mir Zufriedenheit, es macht Spaß!"

Aus ihrer anfänglichen Kleinproduktion für den Eigenbedarf entstand im Laufe der Jahre eine professionelle Käseerzeugung. Sie macht zweimal am Tag Käse und hat verschiedene Sorten im Programm, unter anderem Molkekäse, den beliebten Mutschli-Käse.

Mit anderen Landwirten betrieb sie zunächst Tauschhandel, heute beliefert sie den eigenen Bioladen. Mit weiteren sieben Bauern aus der Umgebung hat sie eine Kooperative gegründet und in Sibiu (Hermannstadt) einen Raum gemietet. Dort werden Gemüse, Gewürze, Honig, Brot, Getreide und Milchprodukte verkauft. In guten Zeiten kommt Lavinia Schuster mit ihrer Käseproduktion kaum nach.

Lavinia und ihr Mann engagieren sich im rumänischen Bioanbauverband Bioterra. Wilhelm Schuster kann inzwischen mit Umstellungsberatung für andere Bauern Geld verdienen. Die Entwicklung geht ihnen aber entschieden zu langsam. "Das hier sind alles solche starken Individualisten! Die wollen für sich arbeiten, Verbände werden häufig mit politischer Kontrolle gleichgesetzt."

Komposthaufen-Modell

Es gibt auch kleine Siege in Sachen Bio. Mit einem Strahlen erzählt Lavinia von der Nachbarin, die jahrelang beobachtete, dass bei den Schusters das Gemüse außergewöhnlich gut wächst. Nun hat auch sie einen Komposthaufen. "Als wir hier im Dorf Moschna anfingen, hatte ich Befürchtungen, dass wir zu sehr isoliert sind. Aber das ist nicht so, heute ist es manchmal sogar zu viel."

Die Besucher geben sich hier die Klinke in die Hand. Gerade war für einige Tage eine Gruppe deutscher Landwirtschaftsstudenten aus Hessen da, um einen ausführlichen Aufenthalt im Sommer vorzubereiten. In dieser Zeit war Lavinia in Österreich, um bei einem internationalen Frauenseminar zum Thema Ernährungssouveränität einen Vortrag zu halten. Wilhelm Schuster musste die fünf Kinder und die landwirtschaftliche Arbeit allein bewältigen, da kamen die Studenten gerade recht. Beim Abschied verewigten sie sich im Gästebuch: "Wir haben vom Holzhacken und Melken Blutblasen an den Fingern und freuen uns schon auf den nächsten Besuch!" (Astrid Thomsen/Der Standard, Printausgabe 28.05.2008)