Straßenbahnen gelten als die sicheren Verkehrsmittel, dennoch verletzten sich in den vergangenen zwei Jahren fast 300 Fahrgäste

Foto: STANDARD/Robert Newald

Wien – Die Wiener Linien ziehen Konsequenzen aus der Unfallserie der vergangenen sechs Monate in Straßenbahnen, bei denen Fahrgäste mitgeschleift oder in den Türen eingeklemmt wurden. Wiener-Linien-Chef Günter Steinbauer sagte am Mittwoch, dass in den kommenden Jahren die Türen der alten Garnituren E1 umgerüstet werden sollen. Die pneumatischen (luftdruckbetätigten) Fühlerkanten an den Türen sollen durch elektrische ersetzt werden. Diese würden sensibler reagieren, sagt Steinbauer. Bis dato hieß es von Seiten der Wiener Linien immer, dass Einklemmen nicht möglich sei.

299 Vorfälle

Grund für das Umdenken ist eine Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit. Untersucht wurden Unfälle beim Ein- und Aussteigen in die Straßenbahn, die sich in den vergangenen zwei Jahren ereignet haben. Insgesamt gab es 299 Vorfälle.

Straßenbahntypen in Wien

Drei Straßenbahntypen fahren in Wien, E1, E2 und Ulf. Die E1-Wagen – seit Ende der 60er-Jahre im Einsatz – haben kein zusätzliches Trittbrett bei den Türen. Die ausfahrbare Stufe mit Betretungssensor haben die Modelle E2. Die Niederflur-Garnitur Ulf ist am sichersten, ergab die KfV-Studie. Die meisten Unfälle, nämlich 63 Prozent, passierten in E1-Bahnen, sagt Klaus Robatsch vom KfV.

Unfälle in letzter Minute

Mehr als zwei Drittel der Unfälle, 69 Prozent, ereigneten sich beim Einsteigen, "weil die Menschen versuchen, in letzter Minute in die Straßenbahn zu gelangen. Bei so einer Situation kommt es leichter zu einem Sturz als beim Aussteigen", sagt Robatsch. Die Hälfte der Verletzungen sind laut Untersuchung von den Fahrgästen selbst verschuldet.

In 27 Prozent der Fälle wurden die Öffi-Benützer eingeklemmt, in drei Prozent mitgeschleift. Betroffen waren vor allem Personen über 65 Jahre (65 Prozent). In dieser Altersgruppe gab es 148 Unfälle, in 120 Fällen waren Frauen betroffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass man beim Ein- und Aussteigen verunfallt, sei aber gering. "Dazu müsste man 13.700 Jahre lang jeden Tag Straßenbahn fahren", sagt Robatsch.

Informationskampagne für Senioren

Die Wiener Linien planen neben dem Umrüsten von 190 E1-Zügen, für die 400.000 Euro vorgesehen sind, eine Informationskampagne für Senioren. Bis 2014 werden die E1 aber fast aus dem Straßenbild verschwunden sein, weil sie von Ulfs ersetzt werden.

Die Grünen und die VP forderten, dass die Straßenbahnen mit Außenspiegeln versehen werden. Das erhöhe die Sicherheit nicht, sagt Michael Lichtenegger von den Wiener Linien. Wolfgang Gerstl von der VP kritisiert, dass die Maßnahen "reichlich spät" kämen. Er freut sich dennoch über die Studie: "Die Politik des Verschleierns und Verdrängens der Wiener Linien hat ein Ende." (Marijana Miljkoviæ/ DER STANDARD Printausgabe 29.5.2008)