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JFK im Cabrio vor den tödlichen Schüssen

foto: ap
Das Lexikon definiert den Begriff Cabriolet als „leichten, einfachen Einspänner mit Verdeck“, vergisst jedoch, darauf hinzuweisen, dass man da noch Pferde vorspannen musste. Aber bereits in der Anfangsphase der Motorisierung strebten die wenigen Privilegierten danach, in ihren Motorkutschen gesehen zu werden, das Stoffdach diente als eiserne (eigentlich: textile) Reserve gegen Regen oder Sonnenbestrahlung. Das offene Automobil fungierte dann rasch als Vehikel des Sichherzeigens: Politiker, Potentaten, Schauspieler, Industrielle, Reiche, alle wollten sie gesehen werden, und dafür bot sich das Cabriolet perfekt an.

Für die Mächtigen der damaligen Zeit war diese Ambition bald mit Lebensgefahr verbunden, der Erste Weltkrieg begann bekanntlich vor 90 Jahren mit der Ermordung des österreichisch-ungarischen Kronprinzenpaars in Sarajewo. Das damals benützte Cabriolet steht heute im Wiener Heeresgeschichtlichen Museum.

1934 wurde Jugoslawiens König Alexander in Marseille erschossen, natürlich in einem offenen Mobil. Diktatoren wie Stalin, Hitler, Franco, Mussolini standen aufrecht in gepanzerten Cabrios, sie wollten sich ihren Völkern als furchtlose Helden präsentieren – oft zur Verzweiflung der Leibwächter, da halfen im Notfall auch keine Maschinenpistolen in den Seitentüren.

Der berühmteste Tod im Cabriolet war wohl die Ermordung von John F. Kennedy in Dallas 1963, live im Fernsehen mit allen Details, bis heute ein endloses Thema für Spekulationen. Trotz aller Warnungen wäre Papst Johannes Paul II. Jahre später fast einem Revolverattentat zum Opfer gefallen, die Einladung für den Täter stellte das offene Papamobil dar, die Bedenken der Sicherheitsbeamten wurden durch Gottvertrauen ersetzt. Seit Kennedy sind viele Politiker bei offiziellen Anlässen in gepanzerte, meist schwarze Limousinen verschwunden. Marschall Tito wählte aber als Zwischenstufe zwischen Cabriolet und geschlossenem Fahrzeug ein (enorm klassenkampfgerechtes) Mercedes 600 Landaulet – vorn geschlossen, aber mit Klappverdeck für die rückwärtige Sitzbank, wo damals der jugoslawische Diktator saß.

Heute meiden die großen Filmstars oder die Zelebritäten der Glitzerwelt das offene Fahrzeug. Ganz im Gegensatz zu ihren Kollegen aus den großen Tagen des vorigen Jahrhunderts: Ein Boxchampion wie Max Schmeling hat darauf bestanden, im Cabriolet zu fahren. Dass er dabei seinen Reichtum in einer teuren Karosse von Maybach oder Mercedes demonstrierte, war ein durchaus erwünschter Nebeneffekt. Interessant auch dies: Stars wie Gary Cooper und Cary Grant drängten nach dem Zweiten Weltkrieg in die Cabrios aus Stuttgart. Dadurch wurde Mercedes in Amerika wieder hoffähig. (Peter Urbanek/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.5.2008)