Noch trennt ein langer Sommer die politischen Wahrsager vom Parteitag der SPÖ, ausreichend Zeit also, allerlei Wunschdenken nicht nur einer Brüsseler Karriere des ehemaligen, sondern mindestens ebenso intensiv einer Second-Life-Karriere des gegenwärtigen Bundeskanzlers zu widmen. In beiden Fällen handelt es sich um Probleme der Entfaltung, wobei in einem Fall das Wegwünschen damit begründet wird, Wolfgang Schüssel in europäischer Funktion werde Wilhelm Molterer nicht länger an seiner sehnlichst erwarteten Entfaltung hindern, im anderen Fall damit, dass die Entfaltung Alfred Gusenbauers als Belesprit nicht das ist, was man sich in seiner Partei ersehnt. Zur Diskussion gestellt ist also nicht mehr und nicht weniger als die Rolle der Persönlichkeit in der Lokalgeschichte.

Die Fruchtbarkeit einer solchen Diskussion hängt in erster Linie von der Zahl strahlender Persönlichkeiten ab, über die eine Partei verfügt. Bei Mangel sollte man sie besser erst gar nicht anheizen, weil sie mehr Schaden anrichten als das Erlösungsbedürfnis der Diskutanten bis zur nächsten Nationalratswahl befriedigen könnte. Die SPÖ kann mit Bruno Kreisky und Franz Vranitzky auf zwei anspornende Beispiele verweisen, die zur rechten Zeit zur Verfügung standen, was im ersten Fall allerdings erst nach einer Kampfabstimmung mit knappem Ergebnis möglich war. Die Partei war sich vorher keineswegs der Qualitäten des Mannes sicher, der sie dreizehn Jahre lang zu ihren größten Erfolgen führen sollte.

Sie hat ja auch Gusenbauer nicht viel zugetraut, als sie ihn zum Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten kürte. Keiner der sogenannten Granden wollte sich damals die Finger verbrennen, es wurde auch nicht der Superman gewählt, der nicht zu sein man Gusenbauer heute vorwirft, sondern einer, der einfach bereit war, es zu machen. Dass er nach sechsjähriger Durststrecke die Wahlen gewann, wenn auch trotz Bawag-Skandal und ohne besondere Unterstützung durch die Partei, war eine Art glücklicher Betriebsunfall.

Wenn er jetzt, wie allenthalben getrommelt wird, ums Überleben kämpft, dann aus zwei Gründen: Vordergründig wegen seiner verbalen Ausrutscher, tiefergründig wegen der Politik der Regierung, der er vorsteht. Die unreflektierten Bonmots sind klimatisch sicher nicht hilfreich, aber sachlich - und aufgeblasen, wie sie in den Medien werden - letztlich von geringer Bedeutung. Niemand würde danach krähen, überzeugte die Arbeit der Koalition.

Dass die nicht besser ist, hat seine Gründe nur zum Teil in den Personen, und vor allem in der gleichen Stärke der Partner, der Nötigung zu einer großen Koalition und in dem daraus resultierenden, von Rachegedanken oktroyierten Koalitionsübereinkommen.

Wer immer bis zum Parteitag als Nachfolger Gusenbauers gehandelt wird - gewählt müsste diese Person in die vorgegebenen Grundbedingungen eintreten, denn sie kann nicht damit rechnen, die ÖVP würde in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode politischen Rabatt gewähren. Es sei denn, man wäre bereit, diese Koalition zu sprengen, aber in diesem Verdacht steht keiner der bisher ins Spiel gebrachten Anwärter eine Gewähr. (Günter Traxler/DER STANDARD, Printausgabe, 30.5.2008)