Wolfgang Müller-Funk über Geist und Ungeist einer "Revolte". Foto: Corn Mutig in die neuen Zeiten: ein Prunkstück postmoderner Erinnerungskultur, das auf keinem 68er-Regal fehlen sollte (vgl. S. 32), zu beziehen um wohlfeile 19 US-Dollar über das Online-Versandhaus El Zócalo.

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Der Mai liegt hinter uns, die Tage der Erinnerung an den vor 40 Jahren werden kürzer. Haben wir auch nichts vergessen? - Bilanzierende Anmerkungen wider die "Selbstverklärung einer Generation".

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Dank einer routiniert rotierenden Medienmaschinerie ist 1968 vornehmlich zum Objekt nostalgischer Selbstverklärung einer Generation geworden. Nüchternere Lesarten, die die damaligen Ereignisse auch als eine Geschichte verlorener oder gar verlogener Hoffnungen thematisieren, haben Seltenheitswert. - Wie kommt das?

Über die Oktoberrevolution hat der italienische Eurokommunist Enrico Berlinguer 1981 gemeint, dass diese "ihre erneuernde und revolutionäre Antriebskraft verloren" habe. Ähnlich historisch geworden sind die Ereignisse rund um das Jahr 1968, die im Prager Frühling und im Pariser Mai kulminierten. Ungeachtet divergierender Ausgangspunkte, wurden diese von vielen Menschen als zwei Momente ein und desselben Prozesses begriffen, waren doch die Akteure des Prager Frühlings und die Dissidenten etwa in Ungarn und Polen (Kuron, Heller, Konrad) kritische Linke. Was sie verband, war die unbestimmte Hoffnung auf einen Sozialismus in noch nie dagewesener Form - eine Alternative zum nachstalinistischen Regime und zum Kapitalismus westlicher Provenienz.

Aus heutiger Perspektive liest sich das wie ein tragisches Postskriptum zu jener globalen Enttäuschung, die das Jahrhundertprojekt Sozialismus, für das Millionen von Menschen, freiwillig und unfreiwillig, gestorben sind, hinterlassen hat. Diese Geschichte will niemand aufarbeiten, am wenigsten die postmarxistische Linke selbst. Kein Zufall übrigens, dass in jenen Ländern, die am stärksten von den 68er-Turbulenzen erfasst wurden - Frankreich, Tschechien, Deutschland, Italien oder auch Polen, vor allem aber die USA -, heute zum Teil rigoros konservative Politiker regieren und die Linke, sozialdemokratisch oder postkommunistisch, nahezu vollständig aufgerieben ist.

Häufig werden die damaligen Ereignisse in Prag und Paris, in Mailand, Berlin und Berkeley auf eine andere narrative Ebene verschoben, sodass nur mehr die gute Botschaft übrigbleibt: Flower-Power, Popkultur, sexuelle Revolution, Feminismus, Überwindung repressiver Strukturen ...

Nun wäre es absurd zu leugnen, dass die Welt, in der wir heute leben, maßgeblich von den Ereignissen des Jubiläumsjahres geprägt wurde. Festzuhalten ist aber auch, dass all die Spektakel des Aufbegehrens zugleich Manifestationen eines langfristigen Wandels waren, der ironischerweise in der systemimmanenten Logik einer modernen individualistischen und marktkapitalistischen Gesellschaft liegt, wie sie Georg Simmel bereits zu Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieben hat. Kulturelle Wirklichkeit wurde - siehe Life Ball -, was mit der Logik der marktkapitalistischen Ökonomie vereinbart ist; z. B. die Enttabuisierung unserer sexuellen Obsessionen, die den Verwertungsdrang ganzer Branchenimperien befriedigen und wahrscheinlich profitabler sind als die Industrieproduktion.

Stichwort "Mehr Demokratie wagen": Mit diesem Slogan gewann Willy Brandt im Gefolge der Aufmärsche seit 1967 zum ersten Mal für die Sozialdemokratie die Wahlen in der Bundesrepublik. Mit dem Demokratieverständnis der Neuen Linken war es indes nicht weit her. Deren Konzept von Basisdemokratie ist mit kritischen Vorstellungen von Demokratie und Zivilgesellschaft, die um Machtbegrenzung, Kompromiss und Pluralität kreisen, unvereinbar. Das gilt selbst für jene Formationen permanenter Revolutionäre, die ihr Mekka nicht in Moskau, Peking oder gar Tirana gefunden hatten, sondern an der Idee eines utopischen Sozialismus festhielten.

Nachgerade verblüffend mutet im Nachhinein - siehe insbesondere das Beispiel BRD - der Umschlag einer antiautoritären radikaldemokratischen Bewegung in ein hyperautoritäres neostalinistisches Sektierertum an. Am 31. Dezember 1968, 50 Jahre nach der Proklamierung der KPD, gründeten zwei Handvoll von Professoren und Assistenten in Berlin die KPD/AO, eine straffe "proletarische" Kaderorganisation, die wie so viele andere "ML"-Gruppierungen in Deutschland wie auch in Österreich nicht nur die Regime in Peking und Tirana, sondern auch die stalinistischen Verbrechen als revolutionäre Taten abfeierten oder in ihrem Kampf gegen den Staat Israel den "arabischen Sozialisten" Saddam Hussein als Bündnisgenossen willkommen hießen. Von Adorno zu Stalins "Geschichte der KPdSU" war es ein weiter Weg, der in atemberaubendem Tempo durchmessen wurde. Der radikaldemokratische Wille erwies sich vielfach als bloße Camouflage des absoluten Machtanspruchs der eigenen Gruppe und ihrer Führer und der Sehnsucht nach Autorität. Das Subjekt setzt sich selbst. Der politische Terrorismus in Gestalt der Brigade Rosse und der RAF war kein Betriebsunfall, sondern nur eine andere Spielart von 1968, Revolution ("Volkskrieg") zu inszenieren, bis aus dem Spiel blutiger Ernst geworden war.

Dieser Logik der Bewegung immanent war auch die sexuelle Revolution nach 1968, zu der Österreich, das sich mit Kreisky-sozialistischer Intelligenzija, Palmers-Entführung und Neoavantgardismus (nicht vergessen: 7. Juni, 40 Jahre "Uni-Ferkelei"!) ansonsten landesüblich eher moderat "einbrachte", in Gestalt der Mühl-Kommune einen eigenen Beitrag geleistet hat. Auch dies ein Beispiel für die vielzitierte Dialektik der Aufklärung: der Umschlag von Selbstbefreiung in ein geschlossenes, um einen narzisstischen Machthaber zentriertes Zwangssystem.

Vermutlich gibt es unter allen Befreiungsideen kaum eine absurdere als die Vorstellung, man könne Kulturrevolution verordnen. Kulturen verändern sich, in der ihr eigenen Logik und Geschwindigkeit. Die Kulturrevolutionäre um und nach 1968 wollten nicht nur mit einer verlogenen Sexualmoral brechen, vielmehr begriffen sie Sexualität als Ressource, die die Menschheit in einem Akt von Selbsterlösung in andere Welten führen sollte. Diese Repräsentanten "optimistischer Befreiungsversuche" gleichen, wie einst Robert Musil mit Blick auf Expressionismus und Lebensreformbewegung in den 1920er-Jahren schrieb, "Opiatikern", die "nüchtern überhaupt keinen Halt haben".

So gesehen sollten wir froh sein, dass "1968" nicht gesellschaftliche Realität geworden ist. Von Prag und Paris bleibt immerhin: Solidarität, Gerechtigkeit und Partizipation als Thema und damit die Frage, ob die Form von Kapitalismus, die wir gerade erleben, Zukunft hat. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.5.2008)