Straße in Baneasa, erster Sektor von Bukarest.

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In der Altstadt.

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Klein Paris: Nicht die Seine sondern die Dambovita.

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Das "Haus des Volkes", oder das "Haus des Sieges über das Volk“, wie die Bukarester den Palast nennen.

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Der Boulevard Unirii, Ceausescus Prachtstraße.

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Brautmoden in der Metrostation.

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"Es war nie so, dass es nicht irgendwie gewesen wäre", lautet ein rumänisches Sprichwort. "Ca niciodata nu a fost, sa nu fie cumva". Wenn man heute durch Rumäniens Hauptstadt Bukarest fährt, begegnet einem dieses "irgendwie" an jeder Ecke: in den Auslagen der Ferrari-Niederlassungen spiegeln sich Pferdefuhrwerke bepackt mit Alteisen, Straßen münden in Sandpisten mit medizinballgroßen Schlaglöchern, Bukarester klopfen sich mit den Worten "so ist das Leben in Rumänien" den Staub aus den Hosen. Gerippe von Altbauten, in deren Fensterrahmen Glasscherben glänzen, wechseln sich mit grauen Wohnwaben aus Ceausescus Tagen ab. Für die öffentlichen Busse und Straßenbahnen gibt es keine Fahrpläne. Um wenige Kilometer zurückzulegen bedarf es oft Stunden: gefahren wird, wo Platz ist, egal ob auf den Straßenbahnschienen oder auf der dreispurigen Gegenfahrbahn. Kaum ein Abend, an dem das Stromnetz nicht zusammenbricht, zu viele Haushalte hängen illegal an dem Wirrwarr aus Stromleitungen. Selbst durch die Ritzen der Verschläge, in denen die Roma leben, flackert nachts das blaue Licht der Fernsehapparate.

Eine Spur von Asien in Europa

Die Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt im Süden des Landes ist die sechstgrößte der Europäischen Union, doch an Europa erinnert hier nur wenig. Zwar verdecken überdimensionierte Werbeplakate mehrere Stockwerke der Plattenbauten - Marken wie Moschino, Nescafe und Vodafone sind allgegenwärtig – das Chaos, das auf den Straßen herrscht, lässt aber mehr an Asien, denn an die EU denken. Die 24 Jahre währende Diktatur Nicolae Ceausescus hat Spuren hinterlassen, die selbst 19 Jahre nach dessen Sturz im Dezember 1989 sichtbar sind. War der Durchschnittslohn in Rumänien Ende der 1990er Jahre noch mit jenem von Bangladesch vergleichbar, ist er seit dem EU-Beitritt zwar deutlich angestiegen, die Lebenskosten aber genauso: ein Liter Milch oder Benzin sind beispielsweise teurer als in Österreich.

Von der miserablen Bezahlung sind auch Ärzte betroffen: sie verdienen rund 200 Euro im Monat – eine Mietwohnung kostet das Doppelte. "Für die Rumänen dreht sich die Welt momentan so schnell, dass ihnen schwindlig wird", sagt Ruth Zenkert. Die Deutsche lebt seit 17 Jahren hier und betreut Straßenkinder. "Die besten Jobs gehen oft an Leute, die in Wirklichkeit kaum Ahnung vom jeweiligen Geschäft haben". Damit meint sie jene Rumänen, die von ausländischen Konzernen in Managementpositionen gehievt werden, weil sie den Firmen billiger kommen, als ihr eigenes Personal. Ein Grund, warum man, auf den breiten Boulevards zwischen Abbruchhäusern und Straßenkindern Mercedes, Chrysler und wie sie alle heißen, mit verdunkelten Scheiben fahren sieht.

Stadt der Gegensätze

Wenn man nach Bukarest fliegt und auf dem älteren, kleinen Flughafen der Stadt, Baneasa landet, kann man einen Blick auf dieses neue Bukarest erhaschen. Auf das Bukarest der Neureichen, regiert vom Mitte-rechts Bündnis Partidul Democrat-Liberal (PD-L). Hier, am nördlichen Stadtrand nahe dem Herastrau-Park, der mit rund einem Drittel der Fläche des Wiener Praters der größte Park der Stadt ist, haben sie sich angesiedelt: in zuckerlfarbenen Einfamilienhäusern, umgeben von gepflegten Gärten. Die rasch wachsende Siedlung erinnert an einen Musterhauspark für Fertighäuser, das Chaos ausgesperrt, wirkt dieser Ort unbewohnt.

Ganz im Gegensatz zum Rest der Stadt: Im östlichen Stadtteil Obor, im zweiten der sechs Sektoren, wie Bezirke hier genannt werden, befindet sich einer der größten Märkte Bukarests: über rund 16 Häuserblöcke erstreckt sich der Obor-Markt und von CDs über Unterwäsche bis hin zu lebenden Kaninchen und Hühnern kann man hier alles kaufen. An den Straßenrändern, zwischen parkenden Autos gehen Männer und Frauen auf und ab. Was an einen Arbeiterstrich erinnert, ist ein beliebtes Service: man lässt sich Rechnungen frisieren.

Nur wenige Kilometer weiter südwestlich, unweit des Stadtzentrums liegt der Stadtteil Ferentari. Mitte des 19. Jahrhunderts als erstes modernes Industriegebiet der Stolz der Stadt, wagt sich heute so manches Straßenkind nicht mehr in diesen Teil des fünften Sektors. Die wenigen Fotos, die es aus der Gegend gibt, erzählen von Armut, Niedergang und Gewalt: die Bauten in Vadu Nou, einer von den Kommunisten errichtetet Plattenbausiedlung, sind mittlerweile ebensolche Ruinen wie die Gebisse vieler Bewohner. Wenn es regnet steht das Wasser knietief zwischen den verfallenen Häusern, an der Oberfläche treibt Müll, die bröckelnden Fassaden schimmeln, Pferdewägen poltern über den geborstenen Straßenbelag. Viele der rund 30.000 Roma, die in der rumänischen Hauptstadt leben, wohnen in Vadu Nou.

Kleines Paris

Ein Teil des "Micul Paris", des "Kleinen Paris", wie Bukarest genannt wird hat, Ceausescus Regime überdauert. Ein Fünftel der Altstadt ließ der "Sohn der Sonne" oder das "Genie der Karpaten", wie sich Nicolae Ceausescu gerne nennen ließ, planieren. Dort verlaufen jetzt kilometerlange Boulevards, gesäumt von protzigen Wohnklötzen, wie Schneisen durch die Stadt. Mittelpunkt ist der Parlamentspalast, nach dem Pentagon das zweitgrößte Gebäude der Welt. Ein Ungetüm, das 1984 gebaut wurde und mit geschätzten 3,3 Milliarden US-Dollar rund die Hälfte des damaligen Bruttosozialproduktes gekostet hat.

Wenn die Sonne untergeht und der Palast mit seinen Säulen und Schnörkeln lange Schatten auf den Boulevard Unirii wirft, liefern sich auf dem großen Kreisverkehr vor dem "Haus des Volkes", wie Ceausescu den Palast taufte, Jugendliche in Autos und auf Motorrädern mit quietschenden Reifen Rennen.

Sichtbar wird das "Kleine Paris" im Zentrum der Stadt: rund um die Universität, wo ungezählte Buchhändler, wie an der Pariser Seine ihre zuklappbaren Buchläden betreiben, wo in den Metrostationen in kleinen Buden "Fornetti", gefüllte Blätterteigtaschen verkauft werden und Unterwäsche, Toiletteartikel, jener glitzernde Strassschmuck, den die Zigeunerinnen so gerne tragen und zumal sogar Brautkleider. Denn Heiraten ist ein großes Thema: in manchen finsteren Metrostationen befinden sich Buden mit Heiratslotterien, zum Bersten gefüllt: Bukarester sind gläubig, die Ehe hat einen hohen Stellenwert. Kommt man bei einer der zahllosen rumänisch-orthodoxen Kirchen vorbei, bekreuzigt man sich, ganz gleich, ob man zu Fuß unterwegs ist, im Bus, oder selbst die Hände am Steuer hat. Notfalls schlägt man das Kreuz mit der Zunge im Mund. (4.6.2008, Birgit Wittstock, derStandard.at)