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Eine der häufigsten Dinge, die wir oft ungefragt mithören müssen, ist wohl die nach dem Standort der gerade Telefonierenden - dicht gefolgt von Einkaufsinstruktionen im Supermarkt.

Es sind Banalitäten wie diese, die mit genüsslicher Polemik von Verfechtern handyfreier Öffis und Kaffeehäuser in die Schlacht geworfen werden. Der Soziologe Richard Ling, der für den norwegischen Telekomkonzern Telenor unser Handyverhalten studiert, liefert uns dazu eine tiefergehende Erklärung. In seinem Buch "New Tech, New Ties" (Neue Technologie, neue Bindungen) erzählt er dieses Beispiel: Während er eines Tages an der Tür stand und Gäste verabschiedete, bog ein Installateur um die Ecke, in ein Telefonat vertieft mit einem Gesprächspartner, der seine Frau zu sein schien.

Zwar erwartete Ling aufgrund eines Wassergebrechens den Installateur, war aber doch irritiert, als der Mann heftig telefonierend kommentarlos an ihm und seinen Gästen vorbeiging, die Schuhe auszog und sich in die Küche begab, um seine Arbeit aufzunehmen.

Schwach

Ein solcher Bruch aller Konventionen, den wir in vielleicht milderer Form tagtäglich mit telefonierenden Menschen erleben (und selbst begehen) verärgert natürlich. Ling erklärt den Vorfall so: Menschen haben sowohl starke als auch schwache soziale Bindungen - und die starke soziale Bindung schlägt üblicherweise die schwache. Der soziale Zusammenhang vermeidet jedoch üblicherweise Konflikte: Der Installateur nimmt seine Frau nicht zur Arbeit mit. Daher würde er mit seiner "schwachen" sozialen Bindung, seinem Kunden, normalen Kontakt aufnehmen, bevor er sich seiner Arbeit zuwendet.

Handys bringen dies durcheinander: Denn obwohl abwesend, ist seine Frau emotional anwesend, der Kunde wird ignoriert. Das selbe erleben wir an Kassen, im Small Talk bei Events, oder einer Verabredung, die durch einen Anruf unterbrochen wird. Plötzlich ist das Telefonat wichtiger als das Umfeld, und wir sind in die peinliche Lage versetzt, uns so zu benehmen als ob dies normal ist.

Soweit die störende Seite. Die positive: Das Handy erlaubt uns, mit unserer Familie und engen Freunden stets Kontakt zu halten. Es ist so, als ob wir z.B. als Partner oder als Eltern morgens gar nicht richtig Abschied nehmen, weil wir eben untertags den familiären Small Talk fortsetzen - über den Einkauf, über Ereignisse, oder dass das Baby des Kollegen endlich auf die Welt gekommen ist. Wenn wir abends wieder zusammentreffen, ist es, als ob unsere Konversation eigentlich nie unterbrochen wurde.

Sozialer Kitt

Das Handy (samt SMS und Mail) ist zum sozialen Kitt geworden, der diese "starken" Bindungen stärkt. Kinder werden vermutlich durch diese "lange Leine" früher autonom: Eltern wissen, dass sie anrufen können, wenn sie besorgt sind. Und die Kids haben bei Bedarf und Überforderung ihr Supportsystem auf Knopfdruck bei der Hand.

Und die potenziell gestörten "schwachen" Bindungen? Diese Probleme auf beiden Seiten zu minimieren (disziplinierter telefonieren, aber auch toleranter gegenüber Unterbrechungen sein) wird die soziale Herausforderung der nächsten Jahre sein. (Helmut Spudich, DER STANDARD/Printausgabe vom 5.6.2008)