Martino Altomonte (Neapel 1659–1745), "Susanna und die beiden Alten", 1709, Öl auf Leinwand.

Foto: Belvedere

Und stellt sich damit der eigenen Gründungsgeschichte.

Wien – Eines steht fest: Egal; wer das Barock nun erfunden hat, es hat sich städtebaulich schon mit außerordentlicher Heftigkeit auf Wien niedergeschlagen. Und nachdem das 18. Jahrhundert nun auch schon wieder lange her ist, kann man durchaus davon ausgehen, dass mit der Errichtung zentraler Palais und Kirchen nicht nur das Stadtbild selbst, sondern mindestens ebenso sehr die seit damals und bis heute betroffenen Generationen vom Einbruch des moralisch untadeligen putti-bewehrten Überschwanges getroffen wurden.

Jedenfalls war das Barock ein Energy-Drink, der nach dem hartnäckigen Problem mit den gemein die Stadt belagernden Türken schon zur rechten Zeit auf den Markt gekommen ist. Also: Der in der nationalen Allgemeinbildung in Kombination mit den Türken fest verankerte Prinz Eugen hat mit Johannes Johann Lucas von Hildebrandt einen nachhaltigen Deal geschlossen: Ab 1714 wurde damit begonnen, jene prachtvollen Gartenpaläste zu errichten, die heute noch die Straßenbahnlinie "D" und jene zum Zentralfriedhof, den "71-er", zu einem Scherenlauf zwingen. Und – Sprung – 1903 wurde dann über deren Schicksal per Auftrag verfügt, fortan als "Moderne Galerie", später als österreichische Galerie zur Verfügung zu stehen. Unglücklicherweise war der Einfluss Österreichs, war der Aufstieg der Monarchie zur europäischen Großmacht nicht annähernd mit dem zu vergleichen, was an hiesiger Kunst um die Jahrhundertwende danach trachtete, die Welt zu erobern. Durchaus gute Kunst, bloß fehlte längst die Schubkraft.

Dominant waren Kunst und Künstler im Abseits der Gartenpalais. "Jugendstil" wurde gepflegt, und womöglichen lagen Paris und Darmstadt näher am bestätigend wärmenden Puls denn die Schlösser an der D-Wagen-Linie.

"Barockmuseum"

Egal. 1923 wurde beschlossen, aus dem Unteren Belvedere ein "Barockmuseum" zu machen, einen offensichtlich massiv in der glorreichen Geschichte Österreichs verankerten Beweis dafür, dass der so merkwürdig althergebrachte Formen wie burgfeste Inhalte hinterfragenden und also gemein obstrukten Moderne nicht wirklich zu trauen ist. Angesammelt hat sich dort dennoch vieles, im Wandel der Direktoren ist hängen geblieben, was wie immer das später demokratische Land bestimmt hat.

Irgendwann wurde "Jugendstil" zur Weltmarke, und die Klimts und Schieles der Haussammlung kamen zum Einsatz, um das Barockmuseum im unteren der Gartenhäuser vom oberen aus zu beherrschen. Bis – wieder Sprung – Folgendes eintrat: Nicht nur, dass der britische Bildhauer Tony Cragg so einfach wie plötzlich sich eigenmächtig dem Hausschatz an Köpfen Franz Xaver Messerschmidts gegenüberstellte, nicht nur dass Leute wie Brigitte Kowanz ins Obere Belvedere einbrachen oder Markus Schinwald und Martin Schnur das über Jahrzehnte hin heilige Atelier des Bildhauers Gustinus Ambrosi besetzten, auch die Barocksammlung erfuhr eine Neupräsentation. Agnes Husslein-Arco hat das zu verantworten, jene Direktorin der Österreichischen Galerie, die schon dem Mittelalter einen neuen Präsentationsschliff verpasste und dem Phantastischen Realismus zu neuen Museumsehren verholfen hat.

Sie sieht die Neupositionierung der "Sammlung Barock" so: "Erstmals in der Geschichte des Hauses ist es nun möglich, im Oberen Belvedere eine konzentrierte Auswahl sämtlicher Sammlungsbestände in chronologischer Folge vom Barock bis zum 20. Jahrhundert zu besichtigen. Die Neuaufstellung der Barocksammlung im Westflügel des Erdgeschoßes erfolgte thematisch und zeigt – neben vielen anderen Highlights – Porträts von Martin van Meytens und Jacob von Schuppen, Stillleben und Genremalerei von Johann Georg Platzer sowie Studien zu Altarbildern, Decken und Wandmalereien von Paul Troger und Franz Anton Maulbertsch. Einen Höhepunkt bilden die Skulpturen von Franz Xaver Messerschmidt. Er zählt zu den interessantesten Künstlerpersönlichkeiten der Aufklärung – seine Charakterköpfe sind in ihrer offensichtlichen Modernität einer der Eckpfeiler unserer Sammlung. Die neue Präsentation der Barocksammlung bot eine gute Gelegenheit, nach dem 1980 erschienenen und längst vergriffenen Katalog von Elfriede Baum einen neuen, repräsentativen Band über die Meisterwerke des Barock im herauszugeben."

Und also ist von nun an "in modo barocco", neben- wie übereinandergehängt, was sich von heute aus gesehen als Highlight eignet. (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.6.2008)