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Kanadischer Ureinwohner vor dem Parlament in Ottawa. Die Regierung will sich für die Umerziehungsinternate entschuldigen.

Foto: Reuters/Chris Wattie
Heute, Mittwoch, wird sich das offizielle Kanada bei seinen Ureinwohnern entschuldigen – für emotionale und körperliche Qualen sowie für sexuellen Missbrauch von Kindern, wie dies in speziellen Internaten üblich war.

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Der 11. Juni 2008 wird als historisches Datum in die Annalen der kanadischen Ureinwohner eingehen. Heute, Mittwoch, entschuldigt sich Premierminister Stephen Harper im Parlament in Ottawa für die Umerziehungsinternate, in denen Kinder dieser Ureinwohner emotionalem, physischem und sexuellem Missbrauch ausgesetzt waren. Diese „Residential Schools“, die während vieler Generationen von mehreren Kirchen geführt und vom Staat bezahlt wurden, stellen eines der schlimmsten Kapitel in Kanadas jüngerer Geschichte dar.

„Kanada bewältigt jetzt seine dunkle Vergangenheit, die lange vor den eigenen Bürgern vertuscht wurde“, sagt Phil Fontaine, Vorsitzender der kanadischen Häuptlinge. Er hatte sich selbst mutig dazu bekannt, dass er in einem Umerziehungsinternat sexuell missbraucht worden war. In diesen Schulen wollte man Kinder fern von Heimatdorf und Eltern zu „nützlichen“ Mitgliedern der von christlichen, weißen Siedlern dominierten Gesellschaft Kanadas machen.

Der 71-jährige Alvin Dixon, Angehöriger des Heiltsuk-Stammes, reiste eigens nach Ottawa, um dabei zu sein, wenn sich die kanadische Regierung entschuldigt. Dixon war zehn Jahre alt, als man ihn seinen Eltern wegnahm und für acht Jahre in ein solches Internat brachte. Dort wurde er geschlagen, sexuell belästigt und durfte nie seine Muttersprache sprechen. „Ich weinte viele Tage lang“, erzählt er.

Dann versiegten seine Tränen für immer. „Meine Gefühle wurden abgetötet, seither kann ich nicht mehr weinen.“ Dixon war eines der rund 125.000 Kinder, von denen viele für ihr ganzes Leben traumatisiert wurden.

Nicht viel bekannt

Noch immer wissen viele Kanadier nicht, was in diesen Internaten wirklich geschah. Sie wurden 1874 eingeführt. Im Jahr 1931 gab es davon rund 80 in Kanada, das letzte wurde erst 1995 geschlossen.

Ein Schiff brachte den kleinen Alvin Dixon 1947 nach Port Alberni auf Vancouver Island, damals vier Reisetage von seinem Heimatdorf Bella Bella entfernt. Kaum angekommen, erhielt er seine ersten Prügel, weil er in der Sprache seines Stammes redete, die einzige, die er kannte. Den Kindern war nur Englisch zu sprechen erlaubt. Morgens mussten sie harte Arbeit leisten, nachmittags gingen sie zur Schule. Alvin Dixon molk Kühe, „aber wir erhielten niemals frische Milch und auch kein Fleisch“.

Er durfte im Sommer seine Eltern besuchen, aber viele Kinder mussten Jahr für Jahr in der Schule bleiben, ohne Kontakt zu ihren Familien. In diesen überbelegten und schlecht ausgerüsteten Institutionen brachen oft tödliche Seuchen aus. Experten schätzen die Sterblichkeitsrate unter diesen Schülern Anfang des 20. Jahrhunderts auf bis zu 50 Prozent.

Terror im Schlafraum

Sexueller Missbrauch war in den von Nonnen und Priestern geführten Schulen an der Tagesordnung. Im Internat von Port Alberni verbreitete der später verurteilte Sexualstraftäter Arthur Henry Plint als Aufseher Angst und Schrecken in den Schlafräumen. Plint wollte auch ihn zu oralem Sex zwingen, erzählt Dixon, „aber ich war damals bereits zwölf Jahre alt und wehrte mich“. Kleinere Kinder – manche wurden schon im Alter von vier Jahren den Eltern weggenommen – konnten sich vor solchen Kriminellen nicht schützen.

Erst vor wenigen Jahren wagten Mitglieder der „First Nations“, wie die Ureinwohner in Kanada genannt werden, die Schulen und ihre Betreiber einzuklagen. Elf Sexualstraftäter wurden bisher überführt. Schließlich einigten sich die kanadische Regierung, die Kirchen und die First Nations im Jahr 2006 auf eine Abfindung von umgerechnet 1,3 Milliarden Euro an rund 90.000 ehemalige Schüler.

Teil dieses Abkommens ist auch die Einsetzung einer Versöhnungs- und Wahrheitskommission nach dem Vorbild Südafrikas. Sie wird während fünf Jahren den Opfern und allen Betroffenen ein Forum bieten, damit sie ihre Leidensgeschichten erzählen können.

Alvin Dixon hofft, dass die Entschuldigung der Regierung der erste Schritt ist, vergangenes Unrecht gutzumachen. „Sie wird bestätigen, dass die Schulen falsch waren und nicht meine Eltern“, sagt er. (Bernadette Calonego aus Vancouver/DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2008)