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Turkmenistans Ex-Diktator Nijasow. Die Goldstatue soll weg.

Foto: AP/Burt Herman
Von der Öffentlichkeit in Europa wenig beachtet, von der EU aber nachhaltig betrieben: Der lange isolierte Wüsten-staat Turkmenistan ist zurück auf der Bühne – seines Gasreichtums wegen.

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Erdgasfelder sind ungefähr das, was früher einmal die Mühlesteine auf dem Spielbrett des Ost-West-Konflikts waren. Drei eigene Steine in einer Reihe reichen, um den Gegner zu schröpfen. Türkei-Iran-Pakistan war einmal eine solche gewinnbringende Linie für die USA im Kalten Krieg der Ideologien gegen die Sowjetunion.

Kasachstan-Turkmenistan-Aserbaidschan ist heute eine Siegerreihe für die Europäer: Die drei Erdgaslieferanten am Kaspischen Meer würden reichen, um Russland, wenn nicht aus dem Spiel zu nehmen, so doch empfindlich zu treffen. Moskaus fast vollkommenes Monopol bei der Gasversorgung aus Zentralasien wäre dahin.

Das neue Mühlespiel erklärt die spektakuläre Rückkehr des einst despotisch regierten Turkmenistans auf die internationale Bühne, von der Öffentlichkeit in Europa wenig beachtet, doch von der EU sehr nachhaltig betrieben. Ende Mai unterzeichnete Brüssel eine Absichtserklärung mit der turkmenischen Führung über die Lieferung von zunächst jährlich zehn Milliarden Kubikmeter Gas nach Europa ab 2009. Es ist ein Bruchteil der 500 Milliarden, die in der EU jedes Jahr verbraucht werden, aber doch ein notwendiges Signal für das Überleben des „Nabucco“-Projekts – jener Pipeline, die über die Türkei nach Österreich führen soll, aber bisher nicht genug Lieferanten hat.

Gurbanguli Berdimuchammedow, der frühere Zahnarzt und Gesundheitsminister, der dem Diktator Saparmurat Nijasow ins Amt nachgefolgt war, hat in den vergangenen Monaten eine erstaunliche Aktivität entfaltet. Der Präsident des lange isolierten Wüstenstaats besuchte die EU-Kommission in Brüssel, tauchte beim Nato-Gipfel in Bukarest auf, normalisierte die Beziehungen zu Aserbaidschan, schloss ein Wirtschaftsabkommen mit dem lange verfeindeten Nachbarn Usbekistan, fuhr ins benachbarte Kriegsland Afghanistan, empfing schließlich eine EU-Troika in der Hauptstadt Ashgabat.

Die frühere Sowjetrepublik ist zweieinhalb Jahre nach dem Tod ihres bizarren Diktators Nijasow ein wichtiger Mühlestein geworden. Eine Zwickmühle, die sich je nach Bedarf öffnen und schließen lässt, ist allerdings noch wirksamer: Turkmenistan wäre heute gern ein solcher Stein, der sich leicht versetzen lässt und seine Geschäftspartner in Verlegenheit bringt. Im März taten sich Turkmenen, Kasachen und Usbeken zusammen und pressten der russischen Gasprom ein neues Abkommen ab: Geliefert wird künftig zu Weltmarktpreisen – zwischen 200 bis 300_Dollar pro 1000 Kubikmeter.

Die Spielordnung sieht dann mit einem Mal anders aus. Berdimuchammedow, der behauptet, sein Land besäße die größten Erdgasreserven der Welt, kann je nach Liefervertrag die EU oder Russland über die Klinge springen lassen.

Bei so viel Geschäftsinteresse fallen andere Eigentümlichkeiten Turkmenistans nicht ins Gewicht. Berdimuchammedow hat wohl einige Auswüchse der früheren Diktatur beseitigt, politische Freiheit sucht man in seinem Land aber vergebens. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2008)