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Am 8. Juni konnte Kerstin F. sitzend, zu ihrer Familie ins Landesklinikum Amstetten-Mauer transportiert werden

Foto: REUTERS/Herbert Neubauer

Amstetten - Eingehakt am Arm habe er sie über "die Schwelle in ein neues Leben" begleitet, beschreibt Albert Reiter jenen für ihn ergreifenden Moment, als er Kerstin F. in die Wohnung zu den anderen Familienmitgliedern begleitete. Seit 9. April war die 19-Jährige die Patientin des Primars für Intensivmedizin am Klinikum Mostviertel in Amstetten. Über die Genesung des Inzestopfers von Amstetten sowie den Gesundheitszustand der übrigen Opfer informierten behandelnde Ärzte am Mittwoch auf einer Pressekonferenz.

Leben hing "am seidenen Faden"

Laut Reiter sei die junge Frau fast völlig gesund, obwohl ihr Leben lange Zeit "am seidenen Faden hing". Mit einem Multiorganversagen sei sie bewusstlos ins Krankenhaus gebracht worden. Tage später kam man dahinter, dass sich hinter der Krankengeschichte von Kerstin eine unglaubliche Kriminalgeschichte verbirgt. Die Mutter der Erkrankten war offensichtlich 24 Jahre lang vom Vater eingesperrt worden und hatte von ihm sieben Kinder. Das älteste ist Kerstin.

Mutterbesuche halfen

Als sie am 15. Mai aus dem künstlichen Tiefschlaf geholt und von Reiter mit einem "Hallo" begrüßt wurde, soll sie geantwortet haben: "Hallo im neuen Leben", erzählt der Arzt. Nach dem Aufwachen "ging alles sehr schnell" (Reiter). Die von den Medien unentdeckt gebliebenen Besuche der Mutter hätten sehr geholfen.

Zur Familie gezogen

Vorigen Sonntag war es dann soweit: Kerstin konnte das Klinikum verlassen und zu ihrer Familie in die Sonderkrankenanstalt Amstetten-Mauer. Mittlerweile seien alle dort in eine Wohnung gezogen. Ein Team aus Ärzten, Psychologen, Psychotherapeuten und Sozialpädagogen betreue die Familie, die gerade im Begriff sei zusammenzuwachsen, erklärt Berthold Kepplinger, ärztliche Direktor von Mauer.

Unterschiedliches Tempo

Drei der Kinder waren im Säuglingsalter vom mutmaßlichen Täter aus dem Verlies geholt worden und konnten in Freiheit aufwachsen. "Das unterschiedliche Tempo der Familienteile gilt es anzugleichen", erklärt Kepplinger. Den einen gehe alles viel zu langsam, den anderen zu schnell. So sei für jene Kinder, die bis vor wenigen Wochen noch nie am Tageslicht waren, eine vorbeiziehende Wolke ein Ereignis. Die anderen bemerken Derartiges nicht.

Opferanwalt Christoph Herbst appellierte erneut an die Medien, der Familie auf ihrem Weg in die Normalität "Ruhe zu gönnen". (Kerstin Scheller/DER STANDARD Printausgabe 12.6.2008)