Wien - Auf die Grazer Psychiatrie könnte nach dem Mord an einem Patienten in der Sigmund Freud-Klinik eine Diskussion zukommen, die in Wien schon seit einigen Monaten geführt wird. Nämlich jene, wie es geschehen konnte, dass ein fixierter Patient von Pflegern und Ärzten nicht beaufsichtigt wurde.

In der Bundeshauptstadt waren Fälle bekannt geworden, bei denen sich fixierte und in Netzbetten gelegte Patienten verletzt haben. Eine Patientin am Otto-Wagner-Spital hatte sich sogar selbst angezündet.

Personalmangel

Die Opposition im rot regierten Wien führt das Unglück auf den Personalmangel in der Wiener Psychiatrie zurück. Derzeit tagt eine gemeinderätliche Untersuchungskommission zu den Missständen, bei der die politische Verantwortung geklärt werden soll.

Zwangsmaßnahmen, wie etwa das Angurten an ein Bett oder das Festhalten in einem Netzbett, müssen von einem Arzt angeordnet werden. Im Krankenhaus-Unterbringungsgesetz (UbG) ist allerdings nicht geregelt, ob und wie lange eine Aufsichtsperson anwesend sein muss.

Werner Schöny, Leiter der Wagner Jauregg Nervenklinik in Linz hat von einem Fall, dass einem fixierten Patienten etwas in den Mund gestopft wurde "noch nie etwas gehört". Was in Graz passiert sei, könne man als Außenstehender nicht beurteilen, sagt der Psychiater, der bei der U-Kommission in Wien als Zeuge geladen war: "Es war wohl eine Verkettung unglücklicher Umstände".

Beaufsichtigung

Prinzipiell würden Patienten zu ihrem eigenen Schutz beschränkt, wobei eine "lückenlose Überwachung" stattfinden müsse, sagt Schöny. Geschlossene Bereiche müssten sowohl personell als auch räumlich gut ausgestattet sein.

Laut Unterbringungsgesetz müssen Beschränkungen aufgehoben werden, sobald sie nicht mehr notwendig sind. Die Frage, ob die Beaufsichtigung im UbG geregelt sein muss, erkläre sich damit von selbst, sagt Schöny: "Denn um das zu beurteilen, muss der Patient überwacht werden." (Marijana Miljkovic/ DER STANDARD Printausgabe 12.6.2008)