Wien – Vertuschung, wie Ex-Kripochef Herwig Haidinger behauptet hat, habe bei den Ermittlungen im Entführungsfall Natascha Kampusch nicht stattgefunden. Sehr wohl jedoch habe es Ermittlungsschwächen gegeben: Zu diesem Schluss ist die von Ex-Verfassungsgerichtshofspräsident Ludwig Adamovich geleitete Evaluierungskommission im Fall Kampusch gekommen. Der Bericht wurde am Mittwoch Innenminister Günther Platter (ÖVP) übergeben.

Ermittlungsansätze

Die "sachdienlichen Ermittlungsansätze" seien "bisher nicht vollständig ausgeschöpft worden", heißt es in dem 58-seitigem Papier. So seien etwa nach der Flucht Kampuschs aus achtjähriger Einsperrung die "ohnehin schwierigen kriminalpolizeilichen Ermittlungen" rund um den durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Entführer Wolfgang Priklopil "erheblich erschwert" worden. Eine "Anzahl nicht vom Gericht bestellter Personen" – Kampuschs Beraterkreis – habe einen "Schutzschild" um die junge Frau gebildet und die Behördentätigkeit eingeschränkt.

Keine Kopie von Niederschriften

Als "unzulässig" wertet der Bericht auch den Umstand, dass die mit Kampusch angefertigten Niederschriften vom Untersuchungsrichter verwahrt wurden, ohne dass die Sicherheitsbehörden eine Kopie zurückbehalten hätten.

16 Empfehlungen

Die Kampusch-Kommission spricht 16 Empfehlungen aus. In Kriminalfällen besonderer Bedeutung seien künftig "interdisziplinär zusammengesetzte Sonderkommissionen" mit "klaren Zuständigkeits- und Verantwortungsstrukturen" einzusetzen. Für Abgängigkeitsfälle sollten "standardisierte Frage- und Checklisten" erstellt werden. Auch "die für die Medienarbeit maßgebende Gesetzeslage" solle überdacht werden. Zudem wird die Gründung eines "starken Mediengremiums" zur "Selbstregulation" empfohlen.

Laut dem deutschen Magazin stern soll die Polizei nach Veröffentlichung des Berichts die Ermittlungen wiederaufgenommen haben. Eine Sprecherin der Oberstaatsanwaltschaft und Natascha Kampuschs Anwalt Gerald Ganzger dementierten dies. Die Oberstaatsanwaltschaft prüft jetzt, ob der Fall neu aufgerollt wird. (bri/ DER STANDARD Printausgabe 12.6.2008)