Der erste Durchgang der Gruppenphase bei der EURO 2008 ist vorbei, spielerische Glanzleistungen waren, abgesehen von Spanien, Portugal oder den Niederlanden, noch eher die Ausnahme. Kommentiert werden muss das Geschehen auf dem Spielfeld trotzdem, nicht nur im Fernsehen, auch landauf, landab in offiziellen oder inoffiziellen Fanzonen, wo motivierte Hobbyanalytiker versuchen, die Spiele zu lesen, wie es so schön heißt.

Lesen ist die Stärke der Buchmenschen, die sich in diesen Tagen im Literaturhaus Graz zu Doppelconférencen zusammenfinden, um vier EURO-Partien ein wenig Schönheit und Sinn abzuringen. Es begann mit dem Match Schweiz gegen Türkei und dem deutsch-österreichischen Gespann Thomas Brussig (zuletzt mit dem Referee-Monolog "Schiedsrichter Fertig" hervorgetreten) und Egyd Gstättner ("Feine Fallrückzieher"). Am Donnertag kommt es zum Duell Österreich gegen Polen, das von Standard-Autor Daniel Glattauer und dem aus Warschau stammenden österreichischen Schriftsteller Radek Knapp kommentiert wird.

Kommenden Dienstag und Mittwoch folgen die Spiele aus der "Todesgruppe C", Frankreich gegen Italien mit sprachverliebten Einwürfen von Franzobel und Ferdinand Schmatz sowie Russland gegen Schweden (Gruppe D), um das sich der rasende Germanist Wendelin Schmidt-Dengler gemeinsam mit Kurt Palm kümmert.

Helden der Hitze

Zwischen dem 16. Juni und 4. Juli 1954 fand in der Schweiz die fünfte Fußballweltmeisterschaft statt. Die heimischen Kicker gewannen ihre Gruppe ohne Gegentreffer, im Viertelfinale wartete der Gastgeber. Das Match am 26. Juni sollte in die Annalen der Fußballgeschichte eingehen. Dafür sorgte allein schon die herrschende Mörderhitze. Reporterlegende Edi Finger schätzt in seinen Memoiren "I wear narrisch!" die Temperatur auf 40 Grad im Schatten. Für die Österreicher (wie den späteren Weltmeister BRD) stand viel auf dem Spiel, galt es nach der NS-Zeit wieder internationale Anerkennung zu finden und durch sportliche Siege das Selbstwertgefühl der Landsleute zu erhöhen. Die Schweiz, trainiert vom Österreicher Karl Rappan setzte auf Defensive.

Kurt Palm, Autor des Buches Die Hitzeschlacht von Lausanne. Österreich - Schweiz 1954 (Residenz) zieht einen Vergleich zur Schweizer Asylpolitik: Alles dicht zu machen war oberste Priorität, zumal die helvetische Balltreterei damals Durchschnitt darstellte. Die österreichischen Kicker (u. a. Ernst Happel, Ernst Ocwirk, die Körner-Brüder) spielten in einer anderen Liga. Umso überraschender kam die 3:0-Führung der Eidgenossen zur Halbzeit. Bedingt war sie durch einen Sonnenstich, den Österreichs Keeper Kurt Schmied (Vienna) erlitten hatte. 1954 durften Spieler nicht ausgetauscht werden, so musste Schmied mithilfe eines Betreuers trotz Blindheit durchhalten. Österreich machte noch sieben Türln, die Schweiz insgesamt nur fünf. Bis heute ist dies das trefferreichste Spiel einer WM-Endrunde, Schmied wusste bis zum Tod nichts mehr von diesem Match.

Ex-TSV-Timelkam-Stürmer Palm hat zahlreiche Anekdoten und Fakten zur WM '54 zu Papier gebracht: einem reinen Kulturpublikum mag das meiste unbekannt sein, für Fußballfreaks ist der Neuigkeitswert begrenzt. Am Donnerstag liest Palm, begleitet mit Filmausschnitten und Radio-O-Tönen von Edi Finger und Heribert Meisel. (fast/dog, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 12.6.2008)