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Johan Vonlanthen, der mit Salzburg immerhin österreichischer Vizemeister wurde, hat keine rechte Freude mehr.

Foto: Reuters/WERMUTH

Basel/Freienbach – Der Bus der Schweizer Nationalmannschaft wurde über Nacht nicht umgespritzt. Noch immer prangt darauf der Schriftzug „Endstation Wien“. Es ist das letzte Zeugnis der hohen Erwartungen im Land. Ein Ziel so hoch wie das Matterhorn wollten die Schweizer Fußballer erreichen: das Finale am 29. Juni. Nun ist jedoch bereits das zweite Gruppenspiel in Basel zur Endstation Sehnsucht geworden.

Das Team blieb ein uneingelöstes Versprechen. Nach der Achtelfinalqualifikation bei der WM 2006 schien es auf einem gutem Weg für das Heimturnier, doch es ist alles ganz anders gekommen. Entsprechend tief sitzt die Enttäuschung bei den Spielern. Ricardo Cabanas schlägt sich immer wieder mit den Bildern der 84. Minute herum, als er den Abpraller des türkischen Goalies Volkan beinahe im Tor unterbringen konnte. Es hätte das 2:1 für sein Team bedeutet – und die Schweiz wäre nicht im Tal der Tränen versunken, sondern zumindest bis zum Spiel gegen Portugal auf einer Euphoriewelle gesurft. Cabanas: „Immer wieder frage ich mich: Warum konnte der Schwede Hansson den Ball ins Tor würgen, warum hatte Deco gegen Tschechien Glück – und warum blieb es ausgerechnet mir verwehrt?“

Ludovic Magnin ist sich bewusst, dass sein Team die Fans enttäuscht hat. „Im eigenen Land schon nach zwei Spielen auszuscheiden, das ist schlimm.“ Nur Köbi Kuhn, ohnehin ein sehr geerdeter Zeitgenosse, gibt sich selbst nach seiner größten Niederlage als Nationaltrainer gelassen. „Frustriert? Nein, das bin ich nicht. Ich kenne den Fußball und weiß, dass immer etwas schieflaufen kann.“

Eine schöne Geste. Ein wenig Aufmunterung erhielt die Mannschaft gestern Vormittag. Da stand ein öffentliches Training in Freienbach auf dem Programm – und was zu einer lästigen Pflichtaufgabe hätte werden können, wurde zur schönen Geste. Zum einen von den 5000 Fans, die der Mannschaft begeistert zujubelten. Zum anderen von der Mannschaft: Entgegen der ursprünglichen Ankündigung kamen nicht bloß die Ersatzspieler zum Auslaufen auf den Platz, sondern alle. Quasi als Dankeschön für die große Unterstützung. „Unsere Fans“, glaubt Magnin, „haben gespürt, dass wir alles gegeben haben, um eine gute EM zu spielen.“

Überall Kater

Dieselben Fans hatten nach dem Spiel in Basel ihren Frust bis weit in die Nacht mit Bier zugeschüttet. Katerstimmung beim Schweizer Anhang, Katerstimmung bei den Schweizer Gastgebern. „Zwei Faktoren können wir nicht beeinflussen“, sagt der Basler EURO-Projektleiter Christoph Bosshardt am Tag danach. „Das Wetter und das Abschneiden des Teams. Wir sind nun mit den denkbar schlechtesten Bedingungen konfrontiert.“ Fans und Organisatoren hoffen jetzt auf die Finalrunde, auf neue Mannschaften und neue Fans.

Die Schweizer sehen sich derweil mit bitteren Realitäten konfrontiert. Null Punkte gegen nicht überragende Tschechen und Türken. Es ist ein Rückfall in Zeiten, die man überwunden glaubte: jene der ehrenvollen Niederlagen. Nachdem sich die Mannschaft bei der WM 2006 mit breiter Brust präsentiert hatte, spielte sie nun wieder ein durch und durch schweizerisches Turnier.

Bleibt die Frage, ob die Nationalspieler bei allem Frust etwas Positives mitnehmen können? Ja, findet Ricardo Cabanas, der Routinier. Wenn er zurückblicke, wo das Team 2001 stand, und wo es heute steht, dann stelle er eine gewaltige Entwicklung fest. „Damals, als Köbi Kuhn bei uns anfing, war tote Hose, und nun steht das ganze Land hinter uns. Wir haben etwas ausgelöst.“ Kuhn, der am Sonntag im Kehrausspiel gegen Portugal seine Dernière erlebt, spricht denn auch von einer „schönen Zeit“, die er erleben durfte. Das, immerhin, können nicht viele seiner Vorgänger über ihren Lebensabschnitt beim Schweizer Team berichten. (Patrick Künzle, Philipp Loser*, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 13. Juni 2008)