Wien - Vorsichtig optimistisch und positiv überrascht hat die österreichische Presse in den jeweiligen Donnerstagsausgaben auf die Designierung von Sabine Haag als neue Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums (KHM) reagiert. Vergleiche mit der Entscheidung für Dominique Meyer als Staatsopern-Chef zieren weitgehend lobende Kommentare zur Überraschungs-Personalpolitik von Kulturministerin Claudia Schmied, der neuen Generalin wird durchwegs hohe wissenschaftliche Kompetenz attestiert. Kritische Erwähnung finden allerdings die Diskrepanzen zwischen dem Profil, das die Ausschreibung für die neue Direktion vorgesehen hatte, und dem Lebenslauf der Auserwählten.

"Die Presse"

"Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn sich VP-Politiker wie Gehrer oder Morak mit einer derart konservativen Lösung vor den Vorhang getraut hätten - noch dazu nach monatelangen Verhandlungen mit Gott und der Welt und einer Ausschreibung, die nach einem international renommierten und erfahrenen Museumsdirektor sucht", befindet etwa Barbara Petsch in "Die Presse" und fragt sich: "Wie kam Schmied zur überraschenden Wahl Haags? Es heißt, sie habe monatelang verschiedenste Topmanager umworben, besonders lang den Frankfurter Museumsdirektor Max Hollein - und als dieser abgesagt habe, sei sie ohne KHM-Chef dagestanden." Als ein "bemerkenswertes Solo", bezeichnet Feuilleton-Chef Norbert Mayer dagegen in einem Kommentar im selben Blatt Schmieds Vorgehensweise: "Die pfeift sich nichts, diese SPÖ-Politikerin. Sie liebt einsame Entscheidungen."

"Salzburger Nachrichten"

Schmieds "Mut zum Alleingang" findet auch in den "Salzburger Nachrichten" Anerkennung. "Neuerlich zeigt sie sich so souverän und eigenwillig, wie es einem Politiker gut ansteht." Die lange Dauer des Auswahlverfahrens wird hier nicht als Indiz für gescheiterte Verhandlungen mit Wunschkandidaten gewertet, sondern als Zeichen "für Fundiertheit". "Sie folgt ihrer Strategie, Frauen in Führungspositionen zu hieven. Sie bestellt eine prononcierte Wissenschafterin und tut so kund, dass Museen anderes sind als Vermarktungsstellen für Hypes. Sie beruft niemanden, der aus VIP-Lounges oder für politische Beziehungen berühmt ist, sondern eine Frau, die sie 'als seriöse, konsequente und ernsthafte Arbeiterin' beschreibt. Die Auswahl erfolgte korrekt, Geheimhaltung war bis zuletzt gewahrt."

"Kleine Zeitung"

Weniger begeistert zeigte sich die "Kleine Zeitung", die die Diskrepanzen zwischen Ausschreibung und Auswahl beanstandete. "Man hatte die Ausschreibung in der Herald Tribune, in der Frankfurter Allgemeinen und sonst wo inseriert. Und man suchte Bewerber/innen mit 'hoher internationaler Reputation und langjähriger Erfahrung in der Leitung eines Museums'. Nun, Ministerin Claudia Schmied hätte das Angebot gleich kostenlos über die Gasse tragen lassen können und dazu ausrichten lassen, dass man es so genau nicht nehmen werde. Denn gefunden wurde mit Sabine Haag eine langjährige Mitarbeiterin des KHM, die bisher auch kein Museum, sondern bloß die Abteilung eines solchen geleitet hat. Und das 'langjährig' seit Dezember 2007." Dass Haag für die Leitung des KHM ungeeignet sei, solle damit nicht gesagt werden, aber: "Dem Ministerium sei empfohlen, Ausschreibungen künftig realitätsnäher zu abzufassen."

"Wiener Zeitung"

Für die neue Generalin selbst fand die "Wiener Zeitung" lobende Worte. "Die künftige Direktorin kann bestens mit dem seit einem Jahr amtierenden Geschäftsführer des KHM, Paul Frey. Sie gilt nicht nur als konsequente Arbeiterin in ihrem Spezialgebiet, der Elfenbeinkunst, sowie bei der Neuaufstellung der Kunstkammer, sondern auch als gute Organisatorin und sachliche wie diplomatische Kollegin allen gegenüber." Haag genieße unter Kunsthistorikern einen "guten Ruf" und sei auch "keine reine Elfenbein-Spezialistin." "Wer auf eine glänzende Selbstinszenierung wartet, wird von Sabine Haag aber sicher enttäuscht sein: Für sie stehen die Objekte im Vordergrund."

"Kurier"

Der Vergleich mit der Entscheidung für Meyer gibt beim "Kurier" den Ton an. "In beiden Fällen hielt das Ministerium bis zuletzt dicht - erst am Tag vor der Bekanntgabe kamen ausgewählte Kulturkenner auf die richtige Spur. In beiden Fällen wurden Direktoren gefunden, die der Öffentlichkeit vor ihrer Designierung so gut wie nicht bekannt waren. In beiden Fällen hat also offenbar Qualifikation eine Rolle gespielt und nicht ein großer Name (obwohl freilich Max Hollein, einer der Wunschkandidaten, über beides verfügt hätte). In beiden Fällen schien es nicht um möglichst große Schlagzeilen, sondern um Inhalte gegangen zu sein. Und in beiden Fällen wird man erst sehen, wie gut die Entscheidungen wirklich waren."

"News"

Ähnlich zieht man bei "News" Bilanz: "Claudia Schmied vertraut bei der Besetzung von Spitzenpositionen einer eigenwilligen Dramaturgie: Sie bevorzugt dramatische Findungsvorgänge mit undramatischem Ausgang." Der neue Operndirektor sei "beinahe im Getöse um den tanzbärenhaft vorgeführten Kanzler" verschwunden. Weil der in diesem Fall "nicht zu bezwingen war" sei es allerdings "leicht möglich" dass die Ministerin "in diesen Tagen einiges um die Ohren bekommt. Klüger wäre es, von Dominique Meyer hochzurechnen und bis zum Erweis des Gegenteils auf Claudia Schmieds Gespür für Könner im spektakelfreien Raum zu vertrauen."

Deutsche Presse

In internationalen Zeitungen sorgte der Führungswechsel an Österreichs größtem Museum für wenig Resonanz. "Österreichs Bildungsministerin Claudia Schmied ist wieder einmal - wie im Fall der Besetzung der Intendanz der Wiener Staatsoper - eine Überraschung gelungen", urteilte die "Welt." "Erst im letzten Augenblick war der Name der 46-jährigen gebürtigen Vorarlbergerin, die sich selbst gar nicht beworben hatte, an die Öffentlichkeit gedrungen. Sabine Haag ist bis jetzt vor allem der Fachwelt bekanntgewesen, in der sie einen ausgezeichneten Ruf genießt. Auf die künftige Generaldirektorin warten kostenintensive Aufgaben." An die Meldung der Deutschen Nachrichtenagentur dpa, dass Schmied "ungeachtet aller hochkarätigen Bewerbungen für die Nachfolge des umstrittenen Direktors Wilfried Seipel", Haag zur neuen Direktorin ernannte, fügte die "Frankfurter Rundschau" die Feststellung an: "Seipel soll sich nicht selbst um die Nachfolge beworben haben." (APA)