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Richard Serra, einer der bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts, vor seinen "Forged Drawings", geschmiedeten Zeichnungen, deren Formen in der Schwärzung zu Ikonen werden.

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Ein sinnliches schwarzes Erlebnis.
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Bregenz – "Es ist der konzentrierteste Raum, in dem ich arbeite", sagt Richard Serra über das Zeichnen. Es erfordere das Alleinsein und belohne sehr unmittelbar für seine Anstrengungen. "Es ist eine Tätigkeit, der ich vertraue, eine Art Abhängigkeit", beschreibt der heuer 69-jährige US-Künstler, der zu den wichtigsten Bildhauern des 20. Jahrhunderts zählt, die große Bedeutung, ja die geradezu existentielle Kraft, die er dem Zeichnen zumisst. Es wundert daher nicht, dass Serras Zeichnungen schwarz sind. Das Kunsthaus Bregenz zeigt – seit sechzehn Jahren zum ersten Mal in Europa – sechs bedeutende zeichnerische Werkgruppen Serras von 1989 bis heute.

"Die Verwendung von Schwarz ist die klarste Methode, eine Markierung gegen eine weiße Fläche zu setzen", sagt Serra der Zeichner, in dessen bildhauerischem Oeuvre das Ausloten von Flächen und Gewichten, der Balance im Raum maßgeblich ist. Schwarz gegen Weiß also. Kontraste, die geradezu ideal mit den Betonwänden des Kunsthauses harmonieren.

Serra habe gar nicht daran gedacht, hier eine seiner Hundert Tonnen schweren Blei- oder Stahlskulpturen zu zeigen, für die andere Museen schon bei ihrer Errichtung die statischen Bedingungen mitkalkulieren. Die Architektur von Peter Zumthor, so wird Serras Begeisterung überliefert, sei weltweit die idealste für die Zeichnung. Eine unterschätzte Gattung, die oft als Vorstufe zum Gemälde oder als Skizze für eine Skulptur missverstanden werde, aber etwas Eigenständiges sei. Oft ist es "der Zeichenprozess, der bestimmt, wie man Materialien durch Maßstab, Platzierung und Umrandung definiert", wird Serra im Katalog zitiert.

Vier Tage Zeit hat sich Serra genommen, nachdem alle Kunstwerke eingetroffen und ausgepackt waren. Wohlüberlegt ist seine Positionierung, sein Austarieren der Bilder im Raum. Für die Schwere des Schwarz, sein größeres Volumen suchte er eine räumliche Entsprechung und hat für die Zeichnungen letztlich eine niedrigere als sonst übliche Platzierung an den Wänden gewählt. Im ersten Geschoß, wo man der jüngsten Serie, den 2008 entstandenen "Solids" begegnet, wähnt man eine Materialisierung des Nichts. Dem Betrachter gegenüber schwarze, alles verschluckende Schächte, nur der schmale weiße, ausgefranste Papierrand scheint zu verhindern, dass man in die unendliche Tiefe gerissen wird.

Schwarz wird als stoffliche Substanz und nicht als Farbe verstanden. Im Grunde ist Schwarz die Negation von Farbe, weil Licht von ihm absorbiert wird, verschluckt wird und somit gar keine Farbe entstehen kann oder in der Addition aller Farben eben Schwarz entsteht, ein assoziationsfreier "Wert von Farbe". Die Stofflichkeit offenbart sich in der näheren Betrachtung als sinnlicher Moment, der – eben doch nicht ganz ohne Assoziation – an die zerstörerische Kraft von Lava denken lässt, der aber auch, erkaltet und schwarz, fruchtbaren Humus hervorbringt.

Serras Humus sind Paintsticks, wachsartige Ölkreiden, die er schmilzt und ausgießt, um mit Gitternetzen und Papier seine Zeichnungen davon abzunehmen. Schicht um Schicht zieht er – denn zeichnen, "to draw", heißt im Englischen auch "ziehen" – das Schwarz über das Papier. Nie arbeitet er an mehreren Arbeiten gleichzeitig – und so verstreichen zwei Jahre, bis eine Serie wie "Weight und Measures" (1994) vollendet ist. Bis er ein neues "Was" in seinem Bildern braucht, einen neuen Impuls, den Serra stets durch ein Verändern des "Wie" erzielt.

Während er in den "Solids" über die verflüssigte, ausgeschüttete Farbe Gitter legt und das darübergelegte Papier, dem Druckvorgang ähnlich, schwungvoll abzieht, variiert er in den "Rounds" (1996/97) und "Out of Rounds" (1999/2000) den Vorgang: Das Papier liegt zuunterst, darüber der teerähnliche Paintstick, der sich Kreisformen annähert, dann zieht er das Gitter vom Schwarz ab. Aus der verschluckenden Leere wird eine lebende, zentimeterdicke Masse. Aus den schwarzen Löchern der "Solid"-Serie werden planetenartige Kugeln, die mal kraftstrotzend das Bildformat sprengen, mal zurückhaltend in der Mitte ruhen.

Besonders aber auch seine für das Kunsthaus angefertigten "Forged Drawings", die geschmiedeten Zeichnungen, für die er die Ölkreide auf die vier aus Stahl geschmiedeten Grundformen Kreis, Rechteck, Oktogon und Quadrat aufgestrichen hat. Der an den Seiten rostige Stahl und die Struktur des Streichens über den geschwungenen Schleifspuren haben ungeheure sinnliche Qualitäten. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe, 14.06/15.06.2008)