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Ein neuer Mythos für eine neue Generation: Für die nächsten dreißig Jahre soll uns "Córdoba 08" Kraft geben!

Foto: APA/Montage: Friesenbichler
Es geschah vor 30 Jahren. Es war das denkwürdigste Spiel einer ÖFB-Auswahl seit Jahrzehnten. Und das gegen Deutschland. Minute 88, ein Dribbling an der Strafraumgrenze, ein Haken, zwei deutsche Verteidiger ausgespielt, Schuss und ... Tor! Tor! Tor! 3:2 für Österreich ...

Wir schreiben nicht das Jahr 2008 und schon gar nicht das von seinen Auswirkungen her wohl folgenschwerste Jahr der jüngeren österreichischen Fußballgeschichte - 1978 -, sondern: 2048.

Wir erinnern uns an den Siegestreffer gegen Deutschland im dritten und alles entscheidenden Gruppenspiel bei der Euro 2008, des bisher einzigen Fußball-Großereignisses in Österreich. Erwin "Jimmä" Hoffer, der Held von Wien, hat mit seinem erlösenden Treffer in der 88. Minute Österreich ins Viertelfinale der Euro geschossen, und Deutschland ist ausgeschieden ...

Zugegeben, ein Traum. Aber was für einer! Vater dieses Traums ist der Wunsch, endlich von Córdoba erlöst zu werden. Damals, mit neun Jahren, hatte ich das Spiel verpasst, warum, weiß ich nicht mehr - wahrscheinlich war ich Fußball spielen oder hatte etwas anderes, Wichtiges zu tun. Doch seither, seit diesem unglückseligen 21. Juni 1978, verfolgt mich Córdoba.

Seine Helden - die sympathischen Herren Hans Krankl und Herbert Prohaska - tauchen bereits in meinen Albträumen auf. Edi Fingers hysterisches Geschrei anlässlich des Siegestreffers in einem an sich wertlosen und bedeutungslosen Spiel - es sei denn, der Erfolg des 3:2 misst sich daran, dass es unsere Burschen waren, die das deutsche Nationalteam nach Hause geschickt haben - lässt mich regelmäßig erschaudern. Und damit bin ich, wie mir viele Freunde und Bekannte versichern, nicht alleine.

Wie lange noch?

Und in den vergangenen Wochen und Tagen vor dem Anpfiff der Heim-Euro wurde all das wieder aus der Mottenkiste der geschätzten Kollegen aus den Sportredaktionen hervorgeholt. Nun, nach dem Ausgleich gegen Polen, droht ein neuer Höhepunkt. Wie lange denn noch, bitte sehr? Und als ob das nicht schon des vermeintlich Guten zu viel wäre, gibt es auch noch Werbung. Mit oder ohne Krankl, Córdoba etc.

Ob Italiener, die im Fastfood-Lokal mit dem Huhn CórdobaBleu (verstehe diesen Konnex nur ich nicht?) verputzen, ob goldrichtige Spartipps von Goldfüßchen Hanse, ob Edi Finger im O-Ton aus dem postgelben Schlüsselanhänger oder als krönender Abschluss das One-Man-Córdoba-Revival des Schweizer (?!) Künstlers Massimo Furlan im Rahmen der Wiener Festwochen - die kollektive Lähmung hat einen Namen: C-Ó-R-D-O-B-A!

Bitte, macht Geschichte!

Angesichts dieses "Rückwärts mit Hurra!" lebt der Wunsch, dass sich unser Nationalteam das Wunder von Wien schafft und die Nachkriegsfußballgeschichte neu schreibt.

Damit wir uns zumindest die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte über den Einzug ins Viertelfinale der Europameisterschaft freuen und uns in 30 Jahren über Werbung mit Erwin "Jimmä" Hoffer oder Andi Ivanschütz mokieren dürfen.

In diesem Sinne: Auf geht's, Burschen! (Herbert Dietrichstein, DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 14. Juni 2008,