Klagenfurt - "So müssen wir auch Österreich fürchten." Franz Beckenbauer formulierte es nicht so drastisch wie Martin Harnik, er ist ja schließlich der Kaiser. Aber wie immer sich Furcht ausdrücken mag - durch erhöhte Transpiration, durch unwillkürliches Ausscheiden von Stoffwechselprodukten oder, quasi im Gegenteil, durch Verkrampfung - gefürchtet wird nach dem gegen Kroatien gezeigten spielerischen Rückfall der Deutschen in längst vergangen geglaubte Zeiten quer durch die prominente Kommentatorenriege.

Ein Ausdruck von zumindest Verunsicherung ist es auch, dass sich Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußballbundes, bemüßigt fühlte zu versichern, dass Joachim Löw selbst im Falle des Ausscheidens nach der Vorrunde bis 2010 Bundestrainer bleibt. "Es gibt keine Alternative."

Löw selbst ist für die Partie in Wien seiner besten Alternative verlustig gegangen. Bastian Schweinsteiger wurde nach seiner roten Karte wegen Tätlichkeit am kroatischen Verteidiger Jerko Leko zwar nur mit der Mindeststrafe (Sperre für ein Spiel) belegt, kann aber gegen Österreich eben nicht neuen Schwung ins deutsche Team bringen. "Er hat uns allen keinen Dienst erwiesen", sagte Löw. "Ich habe falsch reagiert", sagte Schweinsteiger. "Schweini" fehlt also. Und um "Poldi" wird gebangt. Deutschlands bisher einziger Torschütze bei der EURO ist wegen einer Kapselverletzung für Montag höchst fraglich. "Lukas Podolski konnte am Freitagmorgen nicht gehen", sagte Löw Freitagmittag mit einem Anflug von Ausgezehrtheit im Gesicht, die an Ottmar Hitzfeld erinnerte. Auch Philipp Lahm (Bluterguss in Ferse und Wade) und Marcell Jansen (Schulterverletzung) kamen nicht nur moralisch angeschlagen aus dem Treffen mit den Kroaten. So gesehen war Löws Ankündigung, dass es am Montag eine andere deutsche Mannschaft zu sehen geben werde, eine Selbstverständlichkeit. Nach der möglichen Änderung der Anlage wird noch geforscht. Löw wollte in Einzelgesprächen "erfahren, warum und weshalb es nicht geklappt hat. Auch wir als Trainer werden uns hinterfragen."

Spielerische Lösung Außer Zweifel steht für Löw, dass die "Österreicher um ihr Leben rennen werden". Das ist aber schon die einzige verbale Heftigkeit, die sich der 48-Jährige erlaubt. Er sei nicht der Trainer, der sage, man müsse jetzt Gras fressen. "Wir suchen auch nach spielerischen Lösungen."

Löws Führungskräfte analysierten derweilen schon eifrig. Michael Ballack und Torsten Frings, gegen Kroatien auch kämpferisch Schatten ihrer selbst, orteten Überheblichkeit. "Vielleicht haben wir uns nach dem ersten Sieg selbst zu sehr gefeiert. Vielleicht sind wir auch nicht in der Lage, mit dem Lob umzugehen", sagte Kapitän Ballack. Miroslav Klose, um eine Spur besser als Ballfriedhof Mario Gomez, bot Egoismus als Erklärungsversuch an: "Jeder hat versucht, sein eigenes Ding zu machen. Gegen Österreich müssen wir uns um 60, 70 Prozent steigern."

Den umgekehrten Weg könnten mit Fug und Recht die Kroaten im Abgesang für Klagenfurt gegen Polen einschlagen. Angesichts des Gruppensieges ist Trainer Slaven Bilic, der am Donnerstag nicht nur das in seinem Sakko versteckte Heiligenbild schwammig küsste, sondern jeden der Seinen bei jeder Gelegenheit inniglich herzte, die Nominierung eines kroatischen B-Teams zuzutrauen. Bereits mit Gelb Verwarnte (Srna, Modric, Simunic, Leko und Robert Kovac) sind gegen Polen tunlichst zu schonen. Aber es könnten auch noch nicht verwarnte Schlüsselspieler zuschauen. "Wir werden nicht dumm sein, werden nichts riskieren", sagte Bilic, der Vastic für sein Tor gegen Polen ausdrücklich dankte. Er versprach aber zumindest guten Willen: "Wir werden versuchen zu gewinnen - unabhängig von der Aufstellung." (Sigi Lützow; DER STANDARD Printausgabe 14. Juni 2008)