Tilda Swinton als zu allem entschlossene Titelheldin in Erick Zoncas "Julia": eine haltlose Trinkerin, die sich in eine Entführung verwickeln lässt und dann schnell in größten Schwierigkeiten steckt.

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Standard: "Julia" scheint ganz auf Sie und Ihre Performance zugeschnitten. Hatten Sie umgekehrt Erick Zoncas frühere Filme ("La vie revée des anges", "Le petit voleur") gesehen?

Swinton: Ja, Zonca hat mich schon immer interessiert. Ich finde seine Filme recht eigenwillig und anders. Ich nenne es "zoologisches Kino" – er schaut und schaut einfach. Jemand hat über Rossellini gesagt: Er zeichnet die Fakten auf, das trifft meines Erachtens auch auf Zonca zu. Es ist eine Art von amoralischem Mitgefühl. Das ist neu und erfrischend. Mir scheint, im Kino der letzten 20 Jahre gibt es ein Faible fürs Moralisieren. Zonca bewegt sich weg davon, ist dabei aber Humanist. Auch formal finde ich Julia faszinierend – er ist wie ein Sampling von Genres.

Standard: Die physische Veränderung, die die Titelheldin durchläuft, von der unkontrollierten Trinkerin zur Kämpferin oder am Beginn vom quirligen Partygirl zur verkaterten Partyleiche, ist sehr bemerkenswert.

Swinton: Diese spezifische Transformation war etwas, das mich von Beginn an interessiert hat – diese ganze Morgen-danach-Sache. Ich habe das quasi in jahrelangen Studien meiner Trinkerfreunde festgestellt, dass es darum einen Mythos gibt. Oder dieses Gefühl, betrogen worden zu sein: Die Nacht vorher ist glamourös, zumindest hat sie sich so angefühlt, und ich liebe diese erste Szene so, weil sie diesen Glam so gut einfängt: die Musiiiik! Die Drinks – in jeder Einstellung hält Julia einen andersfärbigen –, das Make-up. Und am nächsten Morgen: crash – alles in Scherben.

Standard: Wie verhält sich diese Art von Arbeit zu Ihrer Mitwirkung an großen Hollywood-Produktionen?

Swinton: Um diese Schizophrenie zu begreifen, muss man wissen, dass meine Verbindung zu jedem Projekt immer über den Filmemacher läuft. Die Auseinandersetzung mit bestimmten Regisseuren interessiert mich. Und in gewisser Weise haben die Industrieproduktionen, in denen ich mitgewirkt habe, etwas gemeinsam: Es sind lauter experimentelle Filme. Und zwar auf der Ebene der Technik. Sie werden alle von zwanzigjährigen Techno-Geeks betrieben, die aufgeregt aufs Set kommen: "Schau, ich habe dieses Programm entwickelt, wo Scherben durch die Luft auf deinen Kopf zufliegen." Gefühlsmäßig ist das nicht so weit weg von der Arbeit mit Derek Jarman, als wir Super-8 auf 35 mm aufgeblasen haben.

Standard: Bei Ihrer Oscar-Rede im Februar haben Sie sich primär bei Ihrem US-Agenten bedankt.

Swinton: Ich habe meinen Oscar meinem Agenten gegeben, weil ich wirklich glaube, dass er ihn verdient. Ich bin mir über die Bedeutung dieses Preises noch immer nicht ganz im Klaren, aber ich denke, es ist die Auszeichnung einer Industrie für einen Industriebauteil. In diesen Zusammenhängen muss man die Oscars sehen, sie haben gar nichts mit Kunst zu tun.

Standard: Es ist lustig, dass Sie sich selbst als "Bauteil" bezeichnen. Eine Ihrer ersten Filmrollen, in Peter Wollens "Friendship’s Death" (1987), war eine Art von Cyborg.

Swinton: Wo haben Sie den denn aufgetrieben? Der ist ja praktisch verloren! Peter Wollen ist mittlerweile sehr krank, ich habe mit dem British Film Institute (BFI) darüber geredet, dass man den Film auf DVD veröffentlichen sollte. Er ist großartig, und seine zentrale Frage, wo Menschsein anfängt, ist noch immer aktuell.

Standard: Sie haben seither eine erstaunliche Karriere gemacht – wie sind Sie damals Teil dieses Projekts geworden?

Swinton: Wir waren in den 80ern alle Teil dieser Kinobewegung. Wollens Film war mein zweiter. Er wurde vom BFI produziert, das BFI war quasi meine Schule. Und es gab eine Art von kollektiven Geist des Filmemachens, eine ganz spezifische Kultur, die man nur noch schwer erklären kann: Das BFI hat Filmemacher unterstützt wie Derek Jarman, Sally Potter, Peter Wollen, Terence Davies, Isaac Julien.

Standard: Nun haben Sie selbst begonnen, Filme zu produzieren.

Swinton: Tatsächlich haben sich auch hier nur Dinge verschoben: Man hat mir erklärt, dass es hilft, wenn mein Name in den Credits als Produzentin aufscheint. Ich habe schon immer Geld in Filme gesteckt. Als Sally Potter 1988 mit Orlando kam und sagte: "Wir müssen das verfilmen", hatte ich im Prinzip die nächsten fünf Jahre auch schon diese Funktion.

Standard: Inzwischen scheinen Sie vergleichbare Projekte vor allem in den USA zu finden.

Swinton: Ich habe zuerst mit Lynn Hershman, später mit Scott McGehee und David Siegel oder Spike Jonze gearbeitet. Und der Grund dafür war ja, dass die Art zu arbeiten, die ich gewohnt war, in Großbritannien unmöglich geworden war. Es gibt dafür jede Menge von Gründen, die meisten nenne ich in Derek. Die Förderstrukturen wurden total verändert, was sich wiederum auf die gesamte kulturelle Landschaft ausgewirkt hat. Aber was Kino betrifft, glaube ich ohnehin nicht an Nationalitäten.

(Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 17.06.2008)