Brüssel - Für umstrittene EU-Vorschriften wie den Krümmungsgrad von Gurken wird zwar meist die Regulierungswut der EU-Kommission gescholten, doch die Mitgliedstaaten wollen es offenbar gar nicht anders. Der Vorschlag von Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel, die meisten dieser insgesamt 36 Normen für Obst und Gemüse einfach zu streichen, werde von der Mehrheit der EU-Regierungen "überraschenderweise" abgelehnt, sagte Behördensprecher Johannes Laitenberger am Montag in Brüssel.

Obst und Gemüse, das nicht die strengen EU-Normen für die Handelsklassen erfüllt, würde nach dem Vorschlag von Fischer Boel auch mit "Schönheitsfehlern" in die Verkaufsregale kommen dürfen. Das würde auch bedeuten, Karotten müssen nicht länger mindestens zwei Zentimeter dick sein.

Dafür sollen die Früchte und das Gemüse aber ein Extra-Etikett bekommen, etwa mit der Aufschrift "zum Kochen geeignet". Das sei in Zeiten steigender Lebensmittelpreise schließlich sinnvoller als die Ware einfach wegschmeißen zu müssen, sagte Laitenberger.

Nach dem Kommissionsvorschlag sollen Vorschriften für Handelsklassen künftig nur noch für zehn Obst- und Gemüsesorten gelten, die wie beispielsweise Äpfel und Tomaten für den grenzüberschreitenden Handel besonders wichtig sind. Gurken sollen nicht mehr darunter fallen.

Zur Ehrenrettung der EU-Beamten muss noch hinzugefügt werden, dass auch der Handel bisher "genormtes" Gemüse und Obst wollte. Denn damit war klar gestellt, dass die Ware immer gleich aussieht.

Für EU-Gurkenunkundige: Laut bisheriger EU-Norm durfte die maximale Krümmung zehn Millimeter auf zehn Zentimeter Länge der Gurke betragen (Handelklasse I). Das Mindestgewicht pro Stück dieser Handelklasse setzt für Gurken aus dem Freilandanbau 180 Gramm voraus und aus geschütztem Anbau 250 Gramm. Laut Angaben der LGV Frischgemüse aßen übrigens die Österreicher im Jahr 2007 32 Millionen Stück Gurken aus heimischen Anbau. (APA, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.6.2008)