Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser hat der früheren Konzernspitze schwerste Versäumnisse bei der Korruptionsbekämpfung vorgeworfen. "Es ist mir heute nicht einsichtig, dass das Unternehmen auf eine ganze Reihe von Hinweisen nicht reagiert hat", sagte Kaeser am Montag als Zeuge im Siemens-Schmiergeldprozess vor dem Landgericht München. Schon ab 2003 habe es "rote Flaggen" gegeben.

Er selbst habe keinerlei Kenntnis von Bestechung und kriminellen Geschäften gehabt: "Ich war bestürzt darüber, dass es so etwas im Unternehmen überhaupt gibt", betonte Kaeser. "Ich hätte solche schwarzen Kassen niemals geduldet, geschweige denn habe ich davon gewusst."

Die Taten seien kein Werk Einzelner, sondern "systemisch und mit beachtlicher Akribie geplant gewesen", sagte Kaeser. In den Bereichen Telefonnetze und Energietechnik sei es zu "einer kapitalen Degeneration des Rechtsempfindens" gekommen.

Begünstigt worden sei das, weil die frühere Konzernführung den Bereichen viel freie Hand gelassen, "Kontrollen fragmentiert" und "den Abbau von Bürokratie übertrieben" habe. Hinweise auf Fehlentwicklungen ab 2003 habe sie ignoriert. "Es ist bedauerlich, dass das Unternehmen das Thema nicht aufgegriffen und Konsequenzen gezogen hat", sagte Kaeser. Auch die Wirtschaftsprüfergesellschaft KPMG hätte aktiv werden müssen. Aber erst nach der Razzia der Staatsanwaltschaft im November 2006 habe die Konzernspitze alle Beraterverträge und Geldströme unter die Lupe genommen.

Kaeser ist seit Mai 2006 Finanzchef des Konzerns. Zuvor war er Strategiechef und von 2001 bis 2004 Finanzchef der Siemens-Mobilfunksparte ICM.

"Als klar wurde, mit welcher Dimension wir es hier zu tun haben, haben wir eine Konzernrevision eingeleitet", sagte Kaeser. Inzwischen seien dubiose Zahlungen über 1,3 Mrd. Euro gefunden worden, der Großteil davon in der Kommunikations- und der Energietechnik.

Den Angeklagten Reinhard S., der nach eigenem Geständnis bei der Telefonsparte ICN über Beraterverträge und Tarnfirmen rund 50 Mio. Euro für Schmiergelder in schwarze Kassen umgeleitet hatte, habe er "noch nie gesehen. Ich kenne ihn nicht", sagte Kaeser. "Bestechung, schwarze Kassen sind ein Thema, was in meinen Werten nicht vorkommt."

Als die Verteidigung ihm eine Barzahlung über 3,5 Mio. Euro an einen einzelnen Mitarbeiter bei ICM vorhielt, reagierte Kaeser erstaunt: "Das kann ich mir nicht vorstellen. Sonst wäre ich dem nachgegangen." Alle Zahlungen seien von oberen Managern abgezeichnet worden. Warum seiner Revisions- und Controlling-Abteilung solche Vorgänge entgangen waren, konnte er nicht erklären. "Ich hätte das niemals gedeckt", sagte er. Aber Provisionszahlungen an sich seien nicht verwerflich, und "es gab keine roten Flaggen bei ICM", erklärte Kaeser.

Nur vom Hörensagen wisse er, dass der oberste Korruptions-Bekämpfer Albrecht Schäfer den Zentralvorstand einmal über "die Themen" unterrichtet habe. "Ich selbst war persönlich nicht zugegen", sagte Kaeser.

Jetzt habe Siemens aufgeräumt. "Ich stehe persönlich dafür gerade, dass das nach vorne nicht mehr passieren wird", sagte Kaeser. Siemens bestehe "nicht aus einer Heerschar von Kriminellen".

Der ehemalige Anti-Korruptions-Beauftragte der Telefonsparte, Nikolaus von F., hat nach eigener Aussage früh "Lücken im System" erkannt. "Was wirklich an Zahlungen passiert ist, haben wir von Compliance uns nicht angeschaut", sagte er. Er habe auch nur die Verträge überprüft, die ihm vorgelegt wurden. "Was nicht vorgelegt wurde, konnte ich auch nicht sehen." (AP)