Peking – Im Wiener Haus der Rosenbergs fuhr ein Gestapo-Mann den Besucher drohend an: "Wer bist du? Was machst du hier?" Der soeben eingetroffene hochgewachsene Chinese antwortete in fließendem Deutsch und nicht im Geringsten eingeschüchtert: "Wer sind Sie denn?" Die verängstigte Frau des gerade von der Gestapo abgeführten Erdölmanagers – es war der 10. November 1938 – drängte sich dazwischen: "Das ist Chinas Generalkonsul in Wien, Dr. Feng Shan Ho." Er sei gekommen, um seine Freunde zu verabschieden, unterbrach der Diplomat. Die Rosenbergs würden in seinem Land erwartet und hätten ein Ausreisevisum.

Ein Missverständnis, sagte darauf rasch einer der Gestapo-Häscher. Da der Chinese Generalkonsul war, nahmen sie an, dass der von ihnen Verschleppte jemand Wichtiger war. Kurz darauf brachten sie Rosenberg wieder nach Hause zurück. "Mein Vater war ein Freund der beiden. Er begleitete sie in den nächsten Tagen zum Bahnhof und rettete sie so vor den Transporten nach Dachau", erinnerte sich später Manli Ho, Tochter des chinesischen Diplomaten.

Als die heute 56-Jährige ein kleines Mädchen war, erzählte ihr der Vater diese Anekdote aus seiner Zeit, als er Chinas Konsul in Wien (1937–1940) war. Er begründete seine Intervention: Die Nazis habe er während seines Studiums in München von 1929 bis 1932 verabscheuen gelernt. Mehr berichtete der Diplomat, der am 26. September 1997 in San Francisco mit 96 Jahren starb, über seine Wiener Zeit nicht. Als die Tochter nach seinem Tod einen Nachruf auf das bewegte Leben ihres Vaters verfasste, erwähnte sie die Rettung der Rosenbergs. Zwei Wochen später wurde sie von Eric Saul, Kurator der Stiftung "Visas for Life", kontaktiert, die auf der Spur von Rettern der Juden war. Eric Saul ermunterte sie nachzuforschen und half ihr mit Informationen über österreichische Juden.

Manli Ho fand von da an wie in einem Puzzle täglich mehr über die unauffällige Leistung ihres Vaters heraus. Er hatte zwei Jahre lang allen Juden, die zu ihm kamen, handgeschrieben auf Schanghai lautende "Enddestinationsvisa" ausgestellt, durchschnittlich 500 pro Monat. Viele entkamen über Schanghai in andere Teile der Welt. Tochter Ho entdeckte auf Taiwan Unterlagen, aus denen hervorging, wie ihr Vater auf Betreiben des chinesischen Botschafters in Berlin Anfang 1940 von seinem Wiener Posten abberufen wurde. Der hatte ihn bei der damaligen chinesischen Nationalregierung angeschwärzt.

Das Holocaust Museum Yad Vashem in Jerusalem nahm Feng Shan Ho am 23. Januar 2001 als einen der "Gerechten unter den Nationen" auf, einen der "wenigen Sterne am schwarzen Himmel des Holocaust". In Schanghai eröffneten vergangene Woche israelische Diplomaten, Schanghaier Forscher und die Stadtregierung eine Datenbank mit den ersten 600 Namen und Daten von Juden, die während des Zweiten Weltkrieges Zuflucht in Schanghai fanden. Viele Österreicher unter ihnen waren mit dem Stempel von Feng Shan Ho gekommen. (erl/DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2008)