Dieses Verzweiflungsmanöver wird noch einmal in politikwissenschaftlichen Seminaren analysiert werden. Gusenbauer unterbricht - vorläufig - den Prozess seiner Absetzung, indem er die Position des Parteiobmanns Faymann überlässt. Warum Faymann da mitgemacht hat, ist ein mittleres Rätsel. Weil er damit die Pläne des auch von ihm außerordentlich ungeliebten Michael Häupl - vorläufig - durchkreuzt? Der Wiener Bürgermeister wollte offenbar Gusenbauer über den Sommer weichklopfen und dann Ende August Faymann (oder Brigitte Ederer?) als Parteichef und Kanzler installieren. So wäre er Königsmacher geblieben.

Werner Faymann wollte aber wohl beweisen, dass er sein eigener Mann ist - in der Erwartung, nach einer gewissen Zeit Gusenbauer auch als Kanzler zu beerben. Nun besteht aber die Gefahr, dass ihn Gusenbauer mit hinunterzieht. Schon sieht man, wie das passieren könnte. Faymann soll die "Pensionsautomatik" wegbringen - die ÖVP lässt ihn auflaufen.

Gusenbauer mag sich eine Minimal-Chance ausrechnen, neben einem entzauberten Faymann zu überleben. Die Sozialdemokratie als Hof der Borgias. (rau/DER STANDARD, Printausgabe, 19.6.2008)